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undtrugzurDistanzierungeinzelnerAkteuresowiezumAusschlussausKünst-
lerkreisenbei.
Die relationaleVerbindungderAkteure imNeuromantik-Zirkel ergab sich,
wiedargelegt, unter anderemausderKommunikationübergemeinsamephilo-
logische wie ästhetische Interessen. Diese Relationen waren allerdings nicht
frei vonSpannungen.DieKonflikte entzündeten sich zumTeil an ästhetischen
Fragen, denForschungsgegenständenundauch anwissenschaftlichenMetho-
den inBezugaufDichterderRomantikundihreZeit.
Sopflegte Schaukalmit demDresdner Schriftseller,Übersetzter undPhilo-
logen Arthur Schurig über zwei Jahrzehnte einen freundschaftlichen Briefver-
kehr. Als Schurig aber 1920 Adelbert von Chamissos (1781–1838) Schlemihl in
einer Edition herausgab, die erstmals der „Urhandschrift“ folgte, kritisierte
Schaukal ihnüberraschendheftig.Dabei störte denWiener Chamisso-Verehrer
weniger, dass Schurig auf eine textkritische Edition verzichtete, als vielmehr
der Umstand, dass der Herausgeber auf eine Handschrift aus dem Besitz des
ErbenHelmuthRogge (1891–1976)zurückgegriffenhatte.Schaukalwitterteeine
Kommerzialisierung Chamissos – und wahrscheinlich war er auch ein wenig
neidisch,wollte er sichdochzurgleichenZeit selbst alsExperteundHerausge-
ber romantischerWerkeprofilieren.
Es istnichtganzklar,weshalbSchurigdasChamisso-ManuskriptohneRogges
Einverständnis herausgebenkonnte.Der Erbe, selbst Philologe, veröffentlichte je-
denfallszwei Jahrespäterden ‚Ur-Schlemihl‘.408SchurigbezeichneteseineEdition
rückblickendals „Fehlgriff“, der ihn „öffentlich schwer geschädigt“habe, under
sorgtesichumeinevonSchaukalangedrohteZeitungskritik,dieeine„2.Seriedie-
serAngriffe“eröffnenwürdeundihnumsein„täglichBrot“bringenkönnte.409
Auch das Verhältnis zwischen Hans von Müller und Schaukal war auf-
grund unterschiedlicher methodischer Herangehensweisen belastet. Müller
warf Schaukal 1912 vor, er sei zu sehr Dichter und konzentriere sich zu stark
auf die Biographie, um auch als Wissenschaftler vollauf gelten zu können.
Schaukalverwendezuviele rhetorischeStilmittelundseinepersönlichenVor-
liebenund subjektivenAnsichtenwürden ihnvonphilologischerObjektivität
undPräzisionablenken.410
408 Nikolas Immer undMatthias Glaubrecht: Peter Schlemihl als Naturforscher. Das zehnte
Kapitel vonChamissosMärchenerzählung in editionsphilologischer undwissenschaftshistori-
scher Perspektive. In: Editio, Bd. 26 (2012), S. 123–144. Online: http://www.nikolasimmer.de/
ImmerN_A2012c.pdf (zuletztaufgerufenam31. Juli 2019).
409 BriefSchurigsanSchaukal, 20.April 1921,S-NL,WB.
410 Vgl. denBriefMüllers anSchaukal, 29.Oktober 1912, in:Mühlher:HansvonMüller: eine
Porträtskizze,S. 120–121. 7 PositionenundNetzwerkederNeuromantik 193
Richard Schaukal in Netzwerken und Feldern der literarischen Moderne
- Titel
- Richard Schaukal in Netzwerken und Feldern der literarischen Moderne
- Autor
- Cornelius Mitterer
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Ort
- Berlin
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-061823-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 312
- Kategorien
- Weiteres Belletristik