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Bahrs Sammelband, der auf die Tradition undWiedergeburt einer Jung-Wiener
Dichtergenerationanspielte,mitdenleicht ironischenWorten:
Wir haben in der That, meine ich, einen ganz eigenenWiener geselligen und geistigen
Ton, von einem so bestimmten Kolorit, daß man von einer Wiener ‚Kunstrenaissance‘
schwärmt–alsobdasLeben imCaféGriensteidloderPuchereinWirkenan italienischen
Fürstenhöfenwäre [. . .].453
Andererseits war Bahr um 1896, als Schaukal bei ihm vorstellig wurde, noch
damitbeschäftigt, seinWienerWirken inDeutschlandpublik zumachen,wozu
ihm in erster Linie Journalisten dienen sollten, „die selbst zumKreis umBahr
gehörten.“454WährendseinerZeit inBerlin standFranzServaesunterdemEin-
flussBahrs; vonWienaus instruierte erdenRedakteur,wiedessen1897 fürDie
ZeitverfassterArtikel„JungWien.BerlinerEindrücke“angelegtseinsollte.455
SchaukalverfügtezudieserZeitwohl (noch)nichtüberdieentscheidenden
Kontakte und ausreichende Reputation impublizistischen Feld. Zudem trat er
während einer Phase der ästhetischen und literaturkritischenNeuorientierung
HermannBahrs andenKritiker heran. Die französisch angehauchteDekadenz
Wiener Prägung hatte er bereits überwunden, doch die konservativeWende–
dieEntdeckungderProvinz-undBarockliteraturalsneueundzugleichaltekul-
turelleParameter–nochnichtvollzogen.SchaukalverpassteBahrsästhetische
Volte umwenige Jahre, die Kontaktaufnahme scheiterte– abgesehen vonper-
sönlichenAnimositäten–wohlauchaufgrunddes falschenTimings.
8.3 HassliebeKaffeehaus:SchaukalundKarlKraus
Ab1904 richteteSchaukal seinePoetikneuaus,wiedie 1906und1907heraus-
gebrachtenWerkeGroßmutter,LiteraturundGiorgionebelegen. Spätestensmit
demebenfalls 1907 erschienenenAndreas vonBalthesser sei er „in dieHeimat
der Seele eingekehrt“, so Schaukal rückblickend über seine programmatische
Abkehr vomÄsthetizismus.456 Doch in diesen Jahren der Orientierung reflek-
tierte er den ausbleibenden Durchbruch noch nicht so abgeklärt. Am 22. Mai
1905beklagte sichSchaukalgegenüber seinerMutter:„Dieeinflußreichengesi-
cherten ‚satten‘Kreiseaberhaltenmichvon ihremZirkelab.“AlsGründedafür
453 PaulWertheimer: Deutsches Kunstleben. IV.Wien. In: Die Gesellschaft, 14. Jg., H. 2 (Ja-
nuar1898),S. 132.
454 Sprengel/Streim:BerlinerundWienerModerne,S. 108.
455 Vgl.Sprengel/Streim:BerlinerundWienerModerne,S. 104–105.
456 Schaukal:BeiträgezueinerSelbstdarstellung,S. 100. 8 WienerNetzwerke 203
Richard Schaukal in Netzwerken und Feldern der literarischen Moderne
- Titel
- Richard Schaukal in Netzwerken und Feldern der literarischen Moderne
- Autor
- Cornelius Mitterer
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Ort
- Berlin
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-061823-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 312
- Kategorien
- Weiteres Belletristik