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genüberbewieser sogardie seltengezeigteFähigkeit, sichkritisierenzu lassen.529
Die ästhetischeZuneigungzuHolzverdeutlicht vorallemaberSchaukalsambiva-
lente literarischeAusrichtung,diemitneuenpoetischenFormenhaderte, sie aber
auchnicht ausblendenkonnte.DieAngleichungder lyrischenSpracheandiena-
türlicheAusdrucksweise undder bisweilennaturwissenschaftlicheCharakter von
Holz’Lyrik opponierten zwar zuSchaukals symbolistischenGedichtender frühen
Phase.DiePoetikdesPhantasus-AutorsgingallerdingsnichtmitdemBerlinerNa-
turalismuskonform,wieSchaukal erkannte.Ähnlich JensPeter Jacobsen,dender
österreichische Dichter immer wieder als Einflussgeber erwähnte, deutete auch
Holz den Naturalismus-Begriff ganz individuell. Er und Jacobsen entwickelten
eine eigenständige Form des Naturalismus, die das präzise Betrachten in den
Mittelpunkt rückteunddamit auf den Impressionismusvorgriff.530Die „Technik
des genauen Hinsehens“war ebenso wie die Innenschau und subjektivistische
Auseinandersetzungentscheidend für eineneuePoetikvieler jungerDichter,531 so
auch fürBeer-Hofmann, der sich in seiner frühenProsaundLyrik auchals „Ver-
innerlicher“desNaturalismus zeigte.532Die Schriftsteller inWienvermengtendas
BerlinernaturalistischeModellmit europäischenunddennachwievorpräsenten
österreichischenEinflüssen vonBiedermeier bis Realismus; daraus resultierte die
polymorphe literarischeSituation jener Jahre,diespätestensab1892zurFormulie-
rungunterschiedlicherPositionenzumNaturalismusundzuanderenästhetischen
Fragen führte.533 Auchdeshalb ist bis in die gegenwärtige Forschunghinein eine
literaturhistorische Spannungwahrnehmbar, die zwischen gesamtdeutscher Ein-
ordbarkeit der Literatur jenerEpocheund– vor allemmitBlick auf denNatura-
lismus – der Verortung eines österreichischen ‚Sonderwegs‘ schwankt.534
EdmundWengraf,FriedrichMichaelFels (ca. 1864–1899),KarlKrausundandere
hielten aneiner FormdesNaturalismus fest,wiemansie ausheutiger Sicht am
ehestenmit der Strömung in Berlin in Verbindung bringt. Hofmannsthal, Leo-
pold von Andrian, Beer-Hofmann, Schnitzler und Bahr suchten hingegen nach
neuenAusdrucksmöglichkeitendurchdieÜberwindungdesNaturalismus.535Die
529 Vgl.denBriefHolz’anSchaukal, 5.April 1901,S-NL,WB.
530 Vgl.Wunberg:Das JungeWien,S.LXXVI.
531 Lorenz:WienerModerne,S.47.
532 AntonMayer:Theater inWienum1900.DerDichterkreis JungWien.Wien1997,S.99.
533 Die Unstimmigkeitenwurden durch die einzige Theateraufführung des ‚Vereins fürmo-
dernesLeben‘ausgelöst.Gespieltwurde imMai 1892 imTheater inder JosefstadteineÜberset-
zungvonMaeterlincksL’Intruse; vgl.Lorenz:WienerModerne,S.52.
534 Vgl. zuletzt Roland Innerhofer undDaniela Strigl: Einleitung. In: Sonderweg inSchwarz-
gelb? Auf der Suche nach einemösterreichischenNaturalismus in der Literatur. Hg. vonRo-
landInnerhoferundDanielaStrigl. Innsbruck2016,S. 7–17.
535 Vgl.Lorenz:WienerModerne,S. 52–54. 8 WienerNetzwerke 221
Richard Schaukal in Netzwerken und Feldern der literarischen Moderne
- Titel
- Richard Schaukal in Netzwerken und Feldern der literarischen Moderne
- Autor
- Cornelius Mitterer
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Ort
- Berlin
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-061823-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 312
- Kategorien
- Weiteres Belletristik