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Bereits in frühen kritischen Essays undBüchernwieGiorgioneund Literatur
argumentiert Schaukal zudemgegendiemarktwirtschaftlichePartizipationseiner
dichtenden Kollegen an den Entwicklungen der Kunst, weil er eine bürgerlich-
merkantile– in diesemKontext auch jüdische–Vereinnahmungder kulturellen
Hegemonie befürchtete. Als K.u.k.-Beamter und Dichter war Schaukals Hand-
lungsortderdesÜberbaus.ErwurdealsAngestellterderherrschendenKlasseund
„Funktionär der Hegemonie“ vom christlichsozialen Lager instrumentalisiert581
und hat in diesemKontext seinen Einfluss auf die ökonomische Basis im Sinne
derMachtdurchsetzungeinerKlassegeltendgemacht,wiemitBezugaufGramscis
Theorieersichtlichwurde.
SchaukalsPositionspiegeltdieKriseeiner zahlenmäßiggroßenundverun-
sicherten Gesellschaftsschicht zu Beginn des 20. Jahrhunderts wider, die vom
Liberalismus enttäuscht war, über kein eigenes Klassenbewusstsein verfügte,
soziale Erhebungen sowie den Verlust von politischem Einfluss und gesell-
schaftlichemPrestige fürchtete unddaher dieHegemonie literarisch-produktiv
auf traditionelleHerrschaftsformenprojizierte. Schon in Schaukals 1907 veröf-
fentlichtenGiorgioneheißteswehmütig:
Heut istesder„bildendenKunst“nichtmehrvergönnt,ausstillerWerkstattweihe,gehegt
von der Liebe und Achtung der Könige, der Fürsten, der Patrizier, aufzuerstehen im
GlanzderHochaltäre,derRatssäleundPaläste,heut ist siedurchauseingewagtesUnter-
nehmendesEinzelnen,heutmußdieKunstaufdenMarkt,dieAusstellung.582
DieDichter imStaatsdienst hatten ihrenTeil zurWahrungkulturellerHegemo-
nie der dominanten Klassen und Institutionen beigetragen (Thron und Altar,
AdelundArmee)583unddieVielvölkermonarchieauf zweifacheWeisegestützt:
bürokratischwie literarisch, also in denFeldern Politik undKultur. Nachdem
ErstenWeltkriegbefürchteteeinegroßeZahlsehrunterschiedlichpositionierter
Akteure, strukturell vom Proletariat verdrängt oder absorbiert zu werden. Ein
Teil derbürgerlichenSchriftsteller reagiertemitdemVersuch, eineAristokratie
desGeistes zuetablierenund ihrWirken fürdieBewahrungderkulturellenwie
politischenHegemonie einzusetzen. Schaukal verkörpert dieseEntwicklungen:
er nahmeine historisch gewachsene Elite in die Pflicht, Kunst zu fördern, um
dieVerknüpfungvonKulturundStändeordnungzubewahren.
581 Ludwig Paulmichl: Bürgerliche Gesellschaft, Hegemonie, Intellektuelle. Zur konzeptuel-
lenAusweitungdes Intellektuellen imHinblick auf die revolutionäre Strategie undOrganisa-
tionAntonioGramscis.Diss.Univ.Wien, 1988,S. 132.
582 Schaukal:Giorgione,S. 107.
583 Vgl.Timms:DynamikderKreise,S. 18.
10 Exkurs:SchaukalalsVermittlerzwischenKunstundPolitik 235
Richard Schaukal in Netzwerken und Feldern der literarischen Moderne
- Titel
- Richard Schaukal in Netzwerken und Feldern der literarischen Moderne
- Autor
- Cornelius Mitterer
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Ort
- Berlin
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-061823-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 312
- Kategorien
- Weiteres Belletristik