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Einleitende
Überlegungen24
Fülöp-Millers, für zeitgenössische sowjetische Kunsterscheinungen, insbeson-
dere das Theater, zum Teil innovative Informationen bereitzustellen. Fülöp-Mil-
ler zeichnete denn auch für die 1928 gleichfalls bei Amalthea erschienene
Monografie Das russische Theater. Sein Wesen und seine Geschichte mit besonde-
rer Berücksichtigung der Revolutionsperiode mitverantwortlich – nebst Joseph
Gregor, an dessen Beispiel Kurt Ifkovits in seinem die Sektion Theater und
Musik eröffnenden Beitrag grundlegende Aspekte der Rezeptionsbeziehungen
und des Interesses auch bürgerlicher Intellektueller und Institutionen an der
sowjetischen Theatermoderne offenlegt. Gregor, der bereits durch seine biografi-
sche Situation (kultureller Pendler zwischen Czernowitz und Wien, Interesse für
performative Künste) eine gewisse Prädisposition für seine spätere Arbeit in der
Theatersammlung der Österreichischen Nationalbibliothek einbrachte, darf als
Schlüsselfigur für das Verständnis und die Formen des Zugangs zur russisch-
sowjetischen Theatermoderne angesehen werden. Ifkovits arbeitet heraus, wie
intensiv sich Gregor seit 1923–24 mit den aktuellen Entwicklungen auseinander-
setzt, deren erstes Resultat die von ihm kuratierte Parallelausstellung zur Inter-
nationalen Ausstellung neuer Theatertechnik (1924) in der Albertina war. Im
Unterschied zu anderen, stärker eurozentrisch geprägten Darstellungen grün-
den sich Gregors mitunter eigenwillig anmutenden Überlegungen auf ein tiefe-
res Verständnis der russischen Kunst- und Kulturentwicklung. Dies erlaubt ihm
die Theaterentwicklung nicht allein aus der Perspektive des Gegensatzes von
vor- und nachrevolutionären Rahmenbedingungen, sondern diese als fast natür-
liche Überführung symbolistischer Ansätze in eine revolutionskompatible, kon-
zentriert elementare Formensprache zu begreifen, zum Beispiel in Stanislavskijs
angewandten Symbolismus, in das ›entfesselte Theater‹ Tairovs sowie in das
›dynamische‹ beziehungsweise ›biomechanische‹ Mejerhol’ds. Gregor dient Ifko-
vits aber auch als Modellfall für die kontrastierende und komparative Paralleli-
sierung des Russland-Diskurses mit dem des zeitgenössischen Amerika und für
die Schwierigkeiten, die sich im Zuge der innenpolitischen Polarisierung in
Österreich seit 1927 auf der Ebene offizieller Kontakte, zum Beispiel im Zuge
von Ausstellungsprojekten, einstellten. Neben den prominenten Exponenten der
russisch-sowjetischen Theatermoderne beziehungsweise -avantgarde existierte
auch die in den 1920er Jahren europaweit rezipierte Kleinkunst-Szene. Ihr wid-
met sich Barbara Lesák, wobei sie zunächst an das Moskauer Künstlertheater
und Stansilavskij anknüpft, ferner an die Tanz- und Ballett-Tradition der Ballets
Russes sowie an vorwiegend im Pariser Exil wirkende Künstler wie zum Beispiel
Natalija Gončarova. Die Wiener Tourneen des Moskauer Künstlertheaters zähl-
ten ungeachtet ihrer wechselnden Zusammensetzungen zu den Theaterereignis-
sen in den frühen 1920er Jahren schlechthin, also lange bevor ein offizieller
Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Titel
- Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
- Untertitel
- Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Autor
- Primus-Heinz Kucher
- Herausgeber
- Rebecca Unterberger
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-631-78199-9
- Abmessungen
- 14.8 x 21.0 cm
- Seiten
- 466
- Kategorie
- Kunst und Kultur