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und die österreichische Avantgarde blieb in Bezug auf ihre Wahrnehmung in der
Sowjetunion nur eine Erscheinung am Rand.2 In Wien erfolgte die Präsentation
von Werken russischer Konstruktivisten, Futuristen und Suprematisten primär
durch die ungarische Exil-Zeitschrift MA, die von Lajos Kassák herausgegeben
wurde. Das 1922 von Kassák gemeinsam mit László Moholy-Nagy publizierte
Buch Neuer Künstler stellte eine weitere Möglichkeit dar, die Entwicklungen der
neuesten sowjetischen Kunst auch in Wien zu verfolgen.
Obwohl die Avantgarde in Wien mit Künstlern wie Oskar Kokoschka bereits
früh einen wichtigen Ausgangspunkt genommen hatte, wird sie bis dato kaum
wahrgenommen, wohingegen Italien (Futurismus), Frankreich (Kubismus,
Dadaismus, Surrealismus etc.) oder die Weimarer Republik (Bauhaus, Dadais-
mus etc.) als Zentren der Avantgarde gelten. Im Kontext der bildenden Kunst
lässt sich der Wiener Kinetismus als eine der wenigen explizit avantgardistisch
ausgerichteten österreichischen Strömungen identifizieren, die eine Anbindung
an das internationale Netzwerk der Avantgarden suchte und der dies auch im
Ansatz gelang. Seit den ausklingenden 1920er Jahren kam es sowohl in der
bildenden Kunst als auch in der Literatur zu einer weitgehenden Abkehr von
ursprünglich avantgardistischen Prinzipien; die experimentell-offene Ausrich-
tung der frühen Phase wurde im Konstruktivismus in hohem Maße zugunsten
einer funktional-sachlichen Zweckorientiertheit aufgegeben.
2 Österreich und das „Neue Bauen“
Die Architektur, deren Relevanz in mehreren Proklamationen des Konstrukti-
vismus fest verankert war, entwickelte sich in den 1920er Jahren zu einer der
wichtigsten Kunstformen innerhalb der meisten konstruktivistischen Vereini-
gungen. Der niederländische Konstruktivist und Mitbegründer der Vereinigung
De Stijl Piet Mondrian beklagte gar eine generelle Überbewertung der Architek-
tur, der gegenüber andere Kunstformen wie die Malerei einen minderwertigen
2 Und dies, obwohl es mehrere Großereignisse gab, die sehr wohl für eine zumindest
teilweise Integration Wiens in das Netzwerk der Avantgarden sorgten. Hier sei der
„Internationale Wohnungs- und Städtebaukongress“ (1926) ebenso erwähnt wie der
„Jahreskongress des deutschen Werkbundes“ (1930) oder die Internationale Theater-
ausstellung neuer Theatertechnik (1924); zur Bedeutung der Theaterausstellung für die
Ausstrahlung der österreichischen Avantgarde vgl. Arturo Larcati:
Zur Rezeption des
italienischen Futurismus in Wien während der 1920er und 1930er Jahre. In:
Primus-
Heinz Kucher (Hg.): Verdrängte Moderne – vergessene Avantgarde. Diskurskons-
tellationen zwischen Literatur, Theater, Kunst und Musik in Österreich 1918–1938.
Göttingen: V&R Unipress 2016, S. 95–115, bs. S. 100–106.
Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Titel
- Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
- Untertitel
- Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Autor
- Primus-Heinz Kucher
- Herausgeber
- Rebecca Unterberger
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-631-78199-9
- Abmessungen
- 14.8 x 21.0 cm
- Seiten
- 466
- Kategorie
- Kunst und Kultur