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Österreich und der sowjetische Konstruktivismus 331
Status einnehmen würden.3 In der Sowjetunion zählte die Architektur zudem zu
jenen Bereichen der Avantgarde, in denen die Arbeit trotz zunehmender Repres-
sionen noch relativ ungehindert fortgesetzt werden konnte.4 Anders als andere
Kunstformen bot die Architektur Möglichkeiten, die Ideen der Revolution auch
tatsächlich – zum Nutzen der Gesellschaft – in die Lebenspraxis überzuführen
und nicht ausschließlich auf theoretischer Ebene zu reflektieren.5
Die Innovationen des „Neuen Bauens“ zeigten in Österreich erst relativ spät
einen – zudem deutlich abgeschwächten – Niederschlag, der vor allem mit der
Werkbundsiedlung auch in der zu Beginn der 1930er Jahre entstandenen städte-
baulichen Praxis Spuren hinterließ. Der Österreichische Werkbund6 war zwar
am engsten mit den neuen und revolutionären Ideen verbunden, differierte aller-
dings im Hinblick auf die Konzeption sowie die architektonische Praxis von den
konstruktivistischen Strömungen. Mit Bauhaus, L’Esprit Nouveau, Russischem
Konstruktivismus und De Stijl entwickelten sich Berlin (resp. Weimar und Des-
sau), Paris, Moskau und Amsterdam zu wichtigen Zentren der konstruktivisti-
schen Architektur. In ehemaligen Gebieten des Habsburgerreiches stießen die
3 Vgl. Piet Mondrian:
Muß Malerei der Architektur gegenüber als minderwertig gelten?
In: Wolfgang Asholt/Walter Fähnders (Hgg.): Manifeste und Proklamationen der
europäischen Avantgarde (1909–1938). Stuttgart–Weimar: Metzler 2005, S. 308.
4 Ab Mitte der 1920er Jahre war die Avantgarde sowohl in Ost als auch in West mit
zunehmenden Einschränkungen konfrontiert: Das Bauhaus sah sich 1925 aufgrund
politischer Schikanen zu einer Übersiedlung von Weimar nach Dessau gezwungen
und musste 1932, zu dieser Zeit bereits in Berlin, endgültig schließen. Viele deutsche
Architekten, darunter auch Ernst May und Bruno Taut, emigrierten in den 1930er
Jahren (meist vorübergehend) in die Sowjetunion; zur Geschichte des Bauhauses
vgl. den Eintrag im Bauhaus-Archiv u.d.T. „1919–1933“. Online unter: http://www.
bauhaus.de/de/das_bauhaus/48_1919_1933/ (letzter Zugriff:
5.
Juli2016). In der Sow-
jetunion war das Ende der Avantgarde wesentlich mit der Machtübernahme Stalins
verbunden, 1932 folgte schließlich mit einem Erlass des Zentral-Komitees nicht nur
die Auflösung aller Künstlervereinigungen, sondern auch das Ende der Avantgarde
(vgl. Boris Groys: Gesamtkunstwerk Stalin. Die gespaltene Kultur der Sowjetunion.
Aus dem Russischen von Gabriele Leupold. München: Carl Hanser 1996, S. 39).
5 Die vielfach geäußerte Kritik an den Avantgarden zielt, auch bei Bürger, auf die man-
gelnde Überführung der Kunst in die Lebenspraxis ab, die als primäre Ursache für
das Scheitern des Projekts Avantgarde gesehen wird (vgl. Peter Bürger: Theorie der
Avantgarde. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1974, S. 78).
6 Der Österreichische Werkbund formierte sich 1912 als Künstler- und Architekten-
vereinigung, die den Fokus auf die Synthese von bildender Kunst, Architektur und
Handwerk legte. Zum Österreichischen Werkbund vgl. z.B. Marlene Ott-Wodni:
Josef
Frank 1885–1967:
Raumgestaltung und Möbeldesign. Wien u.a.:
Böhlau 2015, S.
94ff.
Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Titel
- Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
- Untertitel
- Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Autor
- Primus-Heinz Kucher
- Herausgeber
- Rebecca Unterberger
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-631-78199-9
- Abmessungen
- 14.8 x 21.0 cm
- Seiten
- 466
- Kategorie
- Kunst und Kultur