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Vera
Faber334
mit renommierten Namen wie J.
L. P.
Oud (De Stijl) und Le Corbusier (L’Esprit
Nouveau) ein beachtliches internationales (und russisches) Interesse auf sich
ziehen konnte,18 wurde das österreichische Pendant, das erst 1933 fertiggestellt
wurde, international weitgehend ignoriert.
Josef Frank, der zu den wichtigsten österreichischen Architekten der Zwischen-
kriegszeit zählte, begründete den damals relativ marginalen Status der österreichi-
schen Kunst selbstkritisch mit einer „nationalen Beschränktheit“, kombiniert mit
der fehlenden Offenheit für Innovationen:
Was er [der Wiener, Anm.] seine Kunst nennt, ist ein Zusammenstellen beliebiger Motive,
die er einem Vorlagenbuch, das seinesgleichen zusammengestellt hat, entnimmt. Denn was
außerhalb seiner Grenze geschieht, will er nicht sehen oder nur mit Augen, die das aus-
suchen, was er schon kennt, um mit Behagen festzustellen, daß bei ihm zu hause alles am
schönsten ist.19
Überdies sei Österreich ein „kleines und armes Land, das stolz ist, wenn überhaupt
irgend etwas zustande gebracht wird. Wir leben vom vergangenen Ruhm, den wir
nicht müde werden, zu zitieren.“20
Die zahlreichen Reisen westeuropäischer Architekten in die Sowjetunion
fanden – sieht man von Schütte-Lihotzky ab, deren Reise in die Sowjetunion
zu Beginn der 1930er Jahre ursprünglich als endgültige Emigration beabsich-
tigt war – ebenfalls fast ausschließlich ohne österreichische Beteiligung statt.
Die geringe Mobilität österreichischer Architekten Richtung Osten21 scheint
in Anbetracht der engen politischen (ideologischen) Nähe, die zur Emigration
18 In der Sovremennaja Architektura erschien mindestens ein umfangreicher Beitrag
zur Weißenhof-Siedlung: Lege: Die Wohnung (žil’e). Vystavka v Štuttgarte [Die
Wohnung (Wohnung). Ausstellung in Stuttgart]. In: Sovremennaja Architektura,
Nr. 1/1927, S. 44.
19 Josef Frank:
Architektur als Symbol. Elemente deutschen neuen Bauens. Wien:
Anton
Schroll 1931, S. 141. Eine ähnliche Sicht ausländischer Kritiker auf die österreichi-
sche Kunst der Zwischenkriegszeit wird mehrfach deutlich, so auch aus einem im
Querschnitt publizierten (deutlich abwertenden) Kommentar zum österreichischen
Beitrag bei der Ausstellung „Pressa“ in Köln (1928): „Oesterreich blickt ausgiebig in
seine Vergangenheit zurück“ (L.S.E.:
Streifzug durch die Pressa. In:
Der Querschnitt,
Nr.
8/1928, S. 571–574, zit. S. 572).
20 Josef Frank: Gespräch über den Werkbund. In: ders. (Hg.): Österreichischer Werk-
bund. Wien: Verlag des Österreichischen Werkbundes 1929, S. 3–16, zit. S. 4.
21 Wiewohl mehrere österreichische Architekten in die USA emigrierten:
Richard Neu-
tra, der 1923 übersiedelte und in den USA u.a. mit Frank Lloyd Wright zusammen-
arbeitete, stellt hierfür wohl das prominenteste Beispiel dar.
Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Titel
- Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
- Untertitel
- Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Autor
- Primus-Heinz Kucher
- Herausgeber
- Rebecca Unterberger
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-631-78199-9
- Abmessungen
- 14.8 x 21.0 cm
- Seiten
- 466
- Kategorie
- Kunst und Kultur