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Österreich und der sowjetische Konstruktivismus 339
Die vermeintlich „frappanten Analogien“ – im Beitrag ist gar von „Bewunde-
rung“ („admiration“) die Rede
– spiegelten sich jedoch bei der konstruktivistisch
ausgerichteten OSA (Ob’edinenie Sovremennych Architektorov), der Ver-
einigung zeitgenössischer Architekten, als deren Sprachrohr die bereits zuvor
erwähnte Zeitschrift Sovremennaja Architektura fungierte, nicht adäquat in der
theoretischen Auseinandersetzung wider. Dass eine 1926 in der Zeitschrift ver-
öffentlichte Umfrage zum „flachen Dach“ auch österreichische Architekten als
wichtige Vertreter des „Neuen Bauens“ anführte, stellte wie bereits der Beitrag
zu den Gemeindebauten eine Ausnahme dar. Josef Frank und Josef Hoffmann,
die als leitende Mitglieder des Österreichischen Werkbundes zu den wichtigsten
österreichischen Architekten der Zwischenkriegszeit zu zählen sind, scheinen in
der Umfrage neben J. L. P. Oud (Rotterdam), Le Corbusier (Paris) sowie den in
Berlin tätigen Architekten Bruno Taut, Franz Hoffman, Ludwig Hilbersheimer,
Peter Behrens und Erich Mendelsohn als Teilnehmer auf.39 Bei der Befragung
handelte es sich allerdings keineswegs – wie sich anhand des Beitrags vermuten
ließe – um ein sowjetisches Unterfangen, sondern um eine von Gropius und
dem Bauhaus durchgeführte „Rundfrage an deutsche Architekten“ zur techni-
schen Realisierbarkeit von Flachdächern, die in der russischen Zeitschrift ohne
Quellenangabe wiedergegeben wurde.40
Die Ergebnisse machen der Sovremennaja Architektura-Redaktion zufolge
deutlich, dass den Fragen nach dem Material in Westeuropa ein großer Stel-
lenwert zukomme. Aufgrund der besonderen klimatischen Bedingungen sei
die Auswahl des Materials in Russland jedoch besonders sensibel zu treffen.
Josef Frank nennt ein von ihm selbst konstruiertes Gebäude als Beispiel für die
39 Vgl. D. Markov: Anketa. O ploskoj kryše [Umfrage. Zum flachen Dach]. In: Sovre-
mennaja Architektura, Nr.
4/1926, S.
98–103, hier S.
98. Walter Gropius, ein wichtiger
Proponent des Flachdaches, scheint in der Umfrage deshalb nicht auf, da er diese
selbst initiiert hatte.
40 Gropius führte die Umfrage in seiner Funktion als Direktor des Bauhauses durch.
Die Ergebnisse wurden erstmals 1926 in der Zeitschrift Bauwelt publiziert. Öster-
reichische Architekten sind im Original übrigens prominent an erster Stelle der aus-
ländischen Rückmeldungen angeführt, während die Antworten der holländischen
(z.B. J.J.P. Oud) sowie französischen (Le Corbusier) Teilnehmer erst später folgten
und auch weniger umfangreich ausfielen; vgl. Walter Gropius:
Das flache Dach:
inter-
nationale Umfrage über die technische Durchführbarkeit horizontal abgedeckter
Dächer und Balkone. In: Bauwelt, Nr. 8/1926, S. 162–198, Nr. 9/1926, S. 223–227,
Nr.
14/1926, S.
322–324, Nr.
16/1926, S.
361f. Der russische Text gibt die Ergebnisse
des Bauhauses übrigens weitgehend identisch wieder, ohne dies mit einer Quelle zu
belegen.
Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Titel
- Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
- Untertitel
- Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Autor
- Primus-Heinz Kucher
- Herausgeber
- Rebecca Unterberger
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-631-78199-9
- Abmessungen
- 14.8 x 21.0 cm
- Seiten
- 466
- Kategorie
- Kunst und Kultur