Seite - 365 - in Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹ - Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
Bild der Seite - 365 -
Text der Seite - 365 -
Russland-Diskurse in der Zeitschrift Sowjet 365
das höchste, die Quelle der Kultur und des Reichtums“56 feiert und den sozial-
politischen Machtanspruch des Arbeiters betont. Und der deutsche Kommunist
Josef Eisenberger leitet in seinem Artikel über „Die Wirtschaftspolitik der rus-
sischen Kommunisten“ aus dem Schaffen der Arbeiter ihren Besitzanspruch an
den Fabriken und Bodenschätzen ab, was beinahe wörtlich mit der Forderung
von Kaus’ proletarischem Protagonisten korreliert, den Fabrikarbeitern die Fab-
rik zu schenken.57
Kaus’ Protagonist Alois ist der uneheliche Sohn des Fabrikanten Ferdi-
nand Kühnes, der seinen Reichtum durch die Ausbeutung bosnischer Arbeiter
begründet hat, und des Bauernmädchens Johanna, die am Bau einer der Fabri-
ken Kühnes ihren ärmlichen Lebensunterhalt verdient. Der aufgeweckte Alois
wächst im idealistisch-naiven Glauben an ein glückliches Arbeiterleben heran
und steht der Unzufriedenheit der älteren Fabrikarbeiter zunächst verständnis-
los gegenüber. Die Welt außerhalb der Fabrikmauern ist ihm fremd, seinen Vater
imaginiert er „als den allerkräftigsten, allertüchtigsten Arbeiter, den es gab“.58
Als Zwölfjähriger verlässt er die Schule und tritt ebenfalls in die Fabrik ein, um
Geld zu verdienen. Erste Zweifel in seiner Weltanschauung überkommen ihn
bei einer Besichtigung der Fabrik durch Kühne: Alois’ Vorstellung von seinem
Vater als dem ersten Arbeiter der Fabrik wird durch dessen schwächliche und
verweichlichte Erscheinung bitter enttäuscht. Bei einer Unterredung mit Kühne
macht Alois diesem den Vorschlag, den Arbeitern die Fabrik als Geschenk zu
überlassen. Kühne dagegen schlägt Alois vor, ein Studium der Nationalökono-
mie zu absolvieren, um dann gemeinsam Reformen für die Verbesserung der
Situation der Arbeiter durchzuführen. Beim Verlassen des väterlichen Hauses
fällt Alois vor einem Altar von Riemenschneider auf die Knie – zur großen Ver-
wunderung des Fabrikantenehepaars, für das der Altar vor allem ein Kunst-
gegenstand zu Repräsentations- und nicht zu Gebetszwecken ist. Die Wandlung
folgt nun etwas abrupt: Desillusioniert fasst Alois den Beschluss, mithilfe des
Geldes seines Vaters ein Studium zu absolvieren, um seine Reformpläne eines
Tages umsetzen zu können, doch gleichzeitig weiß er, dass er sich von seinen
idealistischen Vorstellungen einer sozial gerechten Welt verabschieden muss.
56 Fredrik Ström: Weltrevolution oder Weltreaktion. In: Sowjet, H. 7/1920, S. 1–22,
zit. S. 12.
57 J[osef] Eisenberger:
Die Wirtschaftspolitik der russischen Kommunisten. In:
Sowjet,
H. 10–11/1920, S. 33–45.
58 Andreas Eckbrecht [d.i. Gina Kaus]: Der Altar. In: Sowjet, H. 5/1919, S. 23–40,
zit. S. 29.
Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Titel
- Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
- Untertitel
- Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Autor
- Primus-Heinz Kucher
- Herausgeber
- Rebecca Unterberger
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-631-78199-9
- Abmessungen
- 14.8 x 21.0 cm
- Seiten
- 466
- Kategorie
- Kunst und Kultur