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Russische Literatur in der Roten Fahne 375
Am 13.
August
1921 reagierte denn auch der mit seiner Frau Zinaida Gippius
nach Paris emigrierte Dmitrij Merežkovskij auf Gor’kijs Ersuchen, indem er in
der in Paris erscheinenden Zeitung Obščee delo (dt. Die gemeinsame Sache) einen
mit „Wiesbaden, am 1. August 1921“ datierten Brief an Hauptmann veröffent-
lichen ließ.18 Merežkovskij deutet in seinem mit Zitaten und Paraphrasen aus der
Bibel unterfütterten Schreiben die Bolschewiken in religiöser Weise als Mächte
des Bösen,19 Gor’kij selbst als hinterlistigen Feind des russischen Volkes, dem
man kein Vertrauen schenken dürfe, und die Hungersnöte als zielgerichtet ein-
gesetztes Mittel der politischen Unterdrückung durch die neuen Machthaber. Im
Artikel der Roten Fahne wird nun in polemischer Absicht folgende Passage aus
Merežkovskijs Brief in einer deutschen Übersetzung zitiert, die allem Anschein
nach eigens für den Bericht angefertigt worden ist:20
[…] не свергнув советской власти, ничем нельзя помочь миллионам гибнущих
людей, так же, как удавленному петлею ничем нельзя помочь, не вынув шеи
из петли. […] А правда та, что не только эти миллионы русских людей гибнут
от голода, но весь русский народ с ними. Да, весь. Совершается злодейство, от
начала мира небывалое: великий народ убивает кучка злодеев и все остальные
народы умывают руки или помогают убийцам.21
„Ehe man nicht die Räterepublik gestürzt hat,“ schreibt Mereschkowsky, „kann man den
Millionen der zugrundegehenden Menschen ebensowenig helfen, wie einem Erhenk-
ten, ehe man seinen Hals aus der Schlinge befreit hat. … Die Wahrheit ist, daß nicht
nur diese Millionen von Russen Hungers sterben, sondern auch das ganze russische
18 Zum Motiv der Atlantiden im Werk Merežkovskijs und Hauptmanns vgl. G. A.
Time:
Dve „Atlantidy“ (G. Gauptman i D.
Merežkovskij:
neprednamerennyj dialog).
In: Russkaja literatura, Nr. 1/1991, S. 111–133.
19 Dieser Zugang korrespondiert augenfällig mit Merežkovskijs ebenfalls 1921 in deut-
scher Übersetzung in München erschienenen Schrift Das Reich des Antichrist:
Russ-
land und der Bolschewismus.
20 Zur Rezeption Merežkovskijs in Deutschland vgl. die bibliographischen Abgaben
in:
Werner Schweikert:
Die russische Literatur und die Literaturen der früheren Sow-
jetrepubliken in deutscher Übersetzung. Eine Übersicht über deren Rezeption in
deutscher Sprache. Teil I: 1880–1965. Flein b. Heilbronn: Verlag Werner Schweikert
2003, S.
27 bzw. 53f.
21 D.S. Merežkovskij:
Carstvo antichrista. Stat’i perioda ėmigracii. Pod obščej redakciej
A.N. Nikoljukina. Sankt-Peterburg: Izdatel’stvo Russkogo Christianskogo guman-
nitarnogo instituta 2001, S. 164f. Laut Durrant blieb der Brief unveröffentlicht (vgl.
Durrant, Unpublished Letter, S. 127); dies widerspricht freilich den Angaben in der
zuvor angeführten Ausgabe von Merežkovskijs Schriften. Zudem wäre dann schwer
zu erklären, wie die Rote Fahne an das Schreiben gelangen und es auszugsweise in
deutscher Übersetzung veröffentlichen konnte.
Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Titel
- Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
- Untertitel
- Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Autor
- Primus-Heinz Kucher
- Herausgeber
- Rebecca Unterberger
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-631-78199-9
- Abmessungen
- 14.8 x 21.0 cm
- Seiten
- 466
- Kategorie
- Kunst und Kultur