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Martin
Erian402
vergleichbaren Fahrt einer Delegation der Weimarer Republik
– nach Moskau.66
Im Lichte des sozialistischen Aufbaus erhielten insbesondere Berichte aus sow-
jetischen Großfabriken bereits vor Körbers „Tagebuch-Roman“ aus den Putilow-
Werken einen neuen Stellenwert. Paradigmatisch verbindet die Reportage eines
Arbeiters aus Nischni Nowgorod Sachinformation mit einem revolutionären
Aufruf an das heimische Proletariat: „Arbeiter und Bauern Oesterreichs! Nur
der Sozialismus und das Sowjetsystem kann [sic] euch retten! Es lebe Sowjetös-
terreich! Es lebe die Kommunistische Partei!“67
In den Jahren der Weltwirtschaftskrise dienten Darstellungen des proletari-
schen Alltags in der Sowjetunion vor allem der propagandistischen Kontrastie-
rung zweier Wirtschaftssysteme. In der Sowjetunion, so der Tenor, sichere die
staatlich kontrollierte Wirtschaft die soziale Sicherheit der Arbeiter. So berich-
tete Alexander Vajda, von Beruf Weber und Mitglied des BPRSÖ, von seinem
raschen Aufstieg in Moskau unter dem symptomatischen Titel: „Hier kommt
jeder vorwärts!“68 Als publizistische Strategie hervorzuheben sind zudem (wohl)
fingierte Briefwechsel, etwa zwischen einem nach Dnjeprostroj ausgewanderten
und einem in Wien verbliebenen Arbeiter, der infolge der Krise seine Stellung
verloren hat und mittlerweile ausgesteuert worden ist. „Bei euch ist Arbeit und
Leben, bei uns ist Stillstand“, so der Wiener, der die sozialdemokratischen Füh-
rer kritisiert. Diese „erzählen allerhand über die Sowjetunion, aber sie schimp-
fen dabei recht fleißig und verdrehen alle Wahrheiten. Denn sie haben Angst vor
der großen Wirklichkeit“.69
66 Vgl. z.B. N.N.:
Unsere Arbeiterkorrespondenten in Sowjetrußland. In:
RF (17.7.1928),
S. 3; N.N.: Von der Rußlandreise unserer Arbeiterkorrespondenten. In: RF
(26.8.1928), S. 5f.
67 R.K.:
Oesterreichische Arbeiter schreiben über den sozialistischen Aufbau. Im roten
Industriezentrum Nischni-Nowgorod. In: RF (19.10.1930), S. 8; vgl. auch: Erwin
Baumer:
Sowjetunion baut die grösste Autofabrik der Welt. In:
RF (26.10.1930), S.
9.
68 Alexander Vajda: „Hier kommt jeder vorwärts“. Brief eines österreichischen Tex-
tilarbeiters aus der Sowjetunion. In: RF (20.10.1932), S. 7; vgl. dazu auch: Franz
Genser: Ins Land der befreiten Arbeit. In: RF (19.6.1932), S. 9; Oskar [d.i. Oskar
Grossmann?]: … ins rote Rußland. Vierzehn Arbeiter wandern in die Sowjet-
union aus. In: RF (20.6.1931), S. 5; Paul Henke: Meine Wahl in den Sowjet. In: RF
(13.8.1932), S. 7.
69 N.N.:
Zwei Briefe. In:
RF (3.6.1933), S.
13. Dieses Modell der Lebenswelten kontras-
tierenden Arbeiterbriefe wurde wiederholt angewendet, vgl. auch:
N.N.:
14 Jahre pro-
letarische Diktatur. Oesterreichische Arbeiter schreiben aus dem Sowjetland. In:
RF
(12.11.1931), S. 8.
Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Titel
- Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
- Untertitel
- Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Autor
- Primus-Heinz Kucher
- Herausgeber
- Rebecca Unterberger
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-631-78199-9
- Abmessungen
- 14.8 x 21.0 cm
- Seiten
- 466
- Kategorie
- Kunst und Kultur