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Katharina die Große in Literatur, Theater und Film 433
in ihrer ambivalenten patriarchalisch-mütterlichen Anstrengung nach Umfor-
mung der russischen Volksseele, zu deren Inkarnation sie sich selbst nach dem
geglückten Staatsstreich modellierte: „Katharina ist kein Mannweib; sie ist eine
Frau mit einem männlichen Leitideal, aber durch und durch eine Frau“.36 Diese
Gender-Identität wurzelt laut Kaus in Katharinas konfliktbeladener provinzieller
Vergangenheit als ungeliebte und vernachlässigte Tochter37 beziehungsweise als
zunächst Opfer, dann indirektes Produkt einer opportunistischen Mutter, deren
einziger Lebenszweck im sozialen Aufstieg der Familie durch Eintritt in den Zir-
kel der europäischen Machtpolitik besteht:
Es ist der Höhepunkt ihres Lebens. Sie ist erst einunddreißig Jahre alt, all ihre glühenden
Erwartungen an das Leben, all ihre Sehnsucht nach Größe und Ruhm, all ihre Wünsche
nach Abenteuer und Aktivität sind bisher unerfüllt geblieben. Nach fünfzehnjähriger
Ehe, in der sie fünf Kinder geboren und zwei bereits begraben hat, ist sie im gewissen
Sinn immer noch ein junges Mädchen geblieben, das auf das Wunderbare, Überwälti-
gende wartet.38
Den obsessiven Wunsch nach sozialem Glanz von Katharinas intriganter Mut-
ter konterkariert die ziemlich bedeutungslose Rolle des Vaters der zukünftigen
Kaiserin Russlands:
Während die Mutter auf solche Weise die Krönung ihres Lebens erlebt, schließt sich der
Vater zur allgemeinen Verwunderung für viele Stunden des Tages in sein Zimmer ein.
[…] So setzt sich der gute Mann, der bisher nie etwas anderes als Regimentsrapporte
geschrieben hat, an den Schreibtisch.39
Matriarchalisch statt patriarchalisch erscheint die relationale Familienstruktur
der kleinen Katharina in Kaus’ historisch belegter Rekonstruktion. In gewisser
Weise vorhersehbar artikuliert sich daher Katharinas Reaktion, das heißt in
einem Mixtum aus rebellischem Racheinstinkt und kämpferischer Freiheits-
sehnsucht. Das Streben nach einer selbstbewussten Befreiung aus den mütterli-
chen despotischen Manövern und ihrer provinziellen Welt lässt, so die Deutung
bei Kaus, an eine vulkanische, latent männliche Persönlichkeit denken, die auf
passende Explosionsbedingungen wartet. Diese stellen sich ein, als Katharina
1744 ihre Heimat Richtung Russland verlässt. Am St. Petersburger Hof lernt sie
36 Kaus, Katharina die Grosse, S. 229.
37 Ebd., S.
15.
38 Ebd., S.
36.
39 Ebd., S.
37.
Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Titel
- Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
- Untertitel
- Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Autor
- Primus-Heinz Kucher
- Herausgeber
- Rebecca Unterberger
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-631-78199-9
- Abmessungen
- 14.8 x 21.0 cm
- Seiten
- 466
- Kategorie
- Kunst und Kultur