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Ester
Saletta438
die junge desorientierte Katharina, die für politische Zwecke von dem als wahn-
sinnig gezeichneten späteren Zaren ausgenützt wird. Interessant ist in diesem
Sinne die Regietechnik, die dem Publikum Peters III. instabile Konstitution
durch eine Reihe von Nahaufnahmen zeigt, die meist auf Katharinas Reaktio-
nen auf Szenarien des Hoflebens fokussieren. Einmal ist es eine weinende, dann
eine schockierte oder gar eine hysterisch wirkende Katharina, die sich mit ihrem
Mann mal kindlich-naiv, mal rebellisch und selbstbewusst auseinandersetzt. Nie
aber gibt Katharina die Idee auf, Zarin Russlands zu werden, und in dieser Per-
spektive verwandelt sie sich nach ihrer ersten Schwangerschaft in eine präzis
kalkulierende Frau. Die Mutterschaft Katharinas ist auch in der Filmversion der
Schlüssel für ihre Identitätswende: Katharina substituiert im Zuge dieser Erfah-
rung ihre märchenhaft-träumerische Kindheitsphase durch ein machtstrategi-
sches Kalkül. Mithilfe ihres Liebhabers Orlov organisiert sie den Staatsstreich,
nachdem sie erfahren hat, dass Peter III. sie in ein Kloster sperren lassen will; die
„kleine“ Katharina verwandelt sich in diesem Moment existentieller Gefährdung
zur „großen“ Katharina.
Einen Geschlechterkampf zwischen Elisabeth, Katharina und Peter III. prä-
sentiert dagegen Paul Czinner, wobei sich die skurril inszenierte Männlichkeit
Peters III. durch seine ostentativ frauenfeindliche Haltung als eine lächerliche
Attitüde dekuvriert. Dass er den gesamten Film hindurch als Kind auftritt und
wie eine Marionette in weiblichen Händen
– in jenen der Zarin Elisabeth ebenso
wie in jenen Katharinas – wirkt, bestärkt dies nur. Letztere ist davon überzeugt,
dass der Mann von der Frau beherrscht werden müsse und nicht umgekehrt.
Während Sternbergs Katharina-Porträt, in dem Marlene Dietrich der russischen
Exotik schillernde Abtönungen ins Bedrohlich-Dunkle zu geben imstande war,
1934 nicht mehr in die Wiener Kinos kam, lief Czinners Film seit dem 28.3.1934
wochenlang im Löwen- und im Fliegerkino.
Vor diesem Hintergrund kann abschließend resümiert werden, dass einerseits
im Wiener Kulturleben über die dargelegten Katharina-Texte und -Konfigura-
tionen seit den frühen 1920er Jahren eine kontinuierliche Auseinandersetzung
mit Aspekten der russischen Geschichte und Kultur nachweisbar ist. Anderer-
seits schien die Katharina-Figur dafür prädestiniert, nicht nur historisch-biogra-
phische Facetten und Skurrilitäten publikumswirksam zu präsentieren – etwa
über Operetten in Revueform
–, sondern auch Gender-Dimensionen zu thema-
tisieren, die der durch ambivalent-machtstrategische Schachzüge vordergründig
besetzten Katharina-Gestalt eine noch auszulotende Vielseitigkeit und Moder-
nität zuschreiben, die unter anderem schon Mariengof und Czinner verdeckt
angesprochen haben.
Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Titel
- Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
- Untertitel
- Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Autor
- Primus-Heinz Kucher
- Herausgeber
- Rebecca Unterberger
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-631-78199-9
- Abmessungen
- 14.8 x 21.0 cm
- Seiten
- 466
- Kategorie
- Kunst und Kultur