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Alcide De Gasperi und die österreichische Politik vom Reich bis zum „Anschluss“
wichtig zu schauen, wie sich die österreichischen politischen Kräfte entwi-
ckeln: wie sich die Vaterländische Front festigt und welche Funktionen sie
übernehmen wird, als mehr oder weniger totalitärer Vertreter der politischen
Tätigkeit, ohne Parteien; und welche Rolle dabei die militarisierten Organi-
sationen einnehmen werden. Und am interessantesten ist die Frage, ob es ihr
gelingen wird, die sozialistische Masse zurückzugewinnen. Die Christsozia-
len bemühen sich außerodentlich, sich diesen anzunähern.96
An dieser Stelle nannte De Gasperi die Namen von Bürgermeister Ernst Karl
Winter, Leopold Kunschak und Franz Hemala, die an diesen Bemühungen
beteiligt waren. Nicht einmal die Errichtung der Einheitsgewerkschaft der
Vaterländischen Front hinderte De Gasperi zufolge etwas an der Fortsetzung
der Mission der christlichen Gewerkschafter, trotz der Kritik der christlichen
gewerkschaftlichen Internationale von Utrecht und des christlichen Gewerk-
schaftskongresses97.
In der Ausgabe vom 16. August 1934 kam De Gasperi wieder auf den
österreichischen Katholizismus zurück, der in diesen Wochen vom Mord an
Dollfuß tief gezeichnet war. Er schrieb nichts von den internationalen Reak-
tionen auf das Geschehen und insbesondere nichts über die italienisch-deut-
schen Spannungen, die der Ermordung folgten. Er schilderte stattdessen das,
was der neue Kanzler Schuschnigg verkündet hatte: Eine Rückkehr zur par-
lamentarischen Demokratie sei ausgeschlossen, aber man hätte einen Weg ge-
funden, das Wahlprinzip durch die Korporationen wiederherzustellen. Das
Volk würde bald aufgefordert werden, die Weisungen von Dollfuß und der
aktuellen Regierung zu bestätigen.
Die Wiener Christsozialen – zur Diktatur gezwungen, um die Unabhängigkeit
zu retten; genötigt, das parlamentarische System aufzugeben, um nicht der
Demagogie zu erliegen; gedrängt, Parteientruppen zu organisieren, um sich
der Gewalt Hitlers Organisationen entgegenstellen zu können – bemühen sich
dennoch, ein System zu schaffen, das weder staatlich noch individualistisch
ist, das auf der Kraft des Gesetzes gründet und nicht auf dem Gesetz der Kraft.
Dieses Bemühen, diese Suche, war die Tragödie Dollfuß’.
96 Spectator, QI, 16. Mai 1934 2172 f. (Übers. d. Verf.)
97 Spectator, QI, 16 . Juni 1934 2179 f.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Titel
- Die schwierige Versöhnung
- Untertitel
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Autoren
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Herausgeber
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Verlag
- Bozen-Bolzano University Press
- Ort
- Bozen
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Abmessungen
- 16.0 x 23.0 cm
- Seiten
- 616
- Schlagwörter
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918