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Alcide De Gasperi und die österreichische Politik vom Reich bis zum „Anschluss“
nicht auch Österreicher. Die österreichische Jugend, auch die ohne Arbeitsplatz, sieht
eine unverhältnismäßigen Ausübung von vielen Berufen durch Juden und schaut auf
die radikalen Maßnahmen des Dritten Reiches.103 Daraus entstand auch die Ent-
scheidung, kommentarlos und ohne jegliche Distanzierung einen Text des
Wiener Korrespondenten der Freiburger „Liberté“ zu veröffentlichen. Dieser
letzte Beitrag – nachdem er die Verfolgungen der Juden und Christlichsozialen
kurz nach dem „Anschluss“ Österreichs erwähnt hatte – wies jedoch darauf
hin, dass sich diese Opfer des neuen Regimes auf wenige Hunderttausend re-
duzieren könnten, während die arischen Österreicher, die täglich die Vorteile zur
allgemeinen wirtschaftlichen Verbesserung genießen würden, mehr als sechs
Millionen seien. Außerdem: Die Auflösung der jüdischen Vermögen erweitert die
geschäftlichen Perspektiven für die anderen und die freigesetzten Posten als Anwälte
und Ärzte bieten Zugang zu Karrieren.104 Diesen Beurteilungen standen jedoch
andere Texte gegenüber, in denen De Gasperi sowohl den Vorrang des Men-
schen und seiner Rechte als auch die Gültigkeit des Gleichheitsgrundsatzes der
Bürger sowie den deutlichen Unterschied zwischen der christlichen Glaubens-
lehre und dem extremistischen Antisemitismus betonte.
Er vergaß auch nicht, die mäßige Entwicklung der Positionen Luegers
hervorzuheben. Letzterer sowie seine Anhänger
mäßigten ihren Antisemitismus sehr bald mit der christlichen Glaubenslehre
und Schritt für Schritt […] betrachteten sie den Antisemitismus nur noch als
eine notwendige wirtschaftliche Verteidigungspolitik, die von den zeitgenöss-
ischen Rahmenbedingungen bedingt wurde, während das positive und dau-
erhaft zu rekonstruierende Werk die christliche Sozialreform sein sollte. Das
Christentum bändigt diese grausamen Antisemiten105
auf diese Weise, schrieb De Gasperi und bezog sich dabei auf andere zeitge-
nössische Wortführer in Wien.
Die interessantesten Artikel zur österreichischen Situation stammen aus der
Zeit zwischen Mai 1933 und August 1934. Mit dem Tod von Dollfuß verblass-
te De Gasperis Interesse für Österreich. Zwischen 1936 und 1937 beschäftigte
103 Spectator, QI, 1. Jänner 1934 2129. (Übers. d. Verf.)
104 Spectator, QI, 1. Juli 1938 2731. (Übers. d. Verf.)
105 Spectator, QI, 1. März 1938 2684. (Übers. d. Verf.)
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Titel
- Die schwierige Versöhnung
- Untertitel
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Autoren
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Herausgeber
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Verlag
- Bozen-Bolzano University Press
- Ort
- Bozen
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Abmessungen
- 16.0 x 23.0 cm
- Seiten
- 616
- Schlagwörter
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918