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Lothar Höbelt
„Heimwehren“ zunächst in den Hintergrund und wurden von den bürgerli-
chen Parteien im lokalen Rahmen domestiziert. Doch ab Mitte der zwanziger
Jahre versuchten sie sich von den Parteien zu emanzipieren und auf eigene
Faust Politik zu machen16. Die starke Stellung der Sozialdemokratie und die
Aktivitäten des Schutzbundes, der seine Aufmärsche mit Vorliebe in gegneri-
schen Hochburgen durchführte, ließ das Vorbild Mussolinis als antimarxisti-
scher Leuchtturm für sie äußerst attraktiv erscheinen. Nach den Wahlen des
April 1927, die keineswegs mit der erhofften „antimarxistischen“ Zwei-Drit-
tel-Mehrheit endeten, sondern mit einem Wachstum der Sozialdemokraten
auf immerhin 42 % der Stimmen, waren hier Äußerungen zu vernehmen, die
offen mit einem Staatsstreich kokettierten. Die Unruhen des Juli 1927 (Justiz-
palastbrand) ließen die Heimwehren dann auch für die bürgerlichen Partei-
en wieder zu einem attraktiven Partner werden. Bundeskanzler Seipel peilte
eine Konstellation an, ähnlich wie in den Umsturztagen, bloß mit verkehrten
Vorzeichen: Diesmal sollten die paramilitärischen Verbände der Rechten die
parlamentarische Sperrminorität der Linken zum Rückzug zwingen17.
Auf politischer Ebene fanden Mussolini und die Heimwehren im Lau-
fe des folgenden Jahres nach anfänglicher Skepsis rasch zueinander. Zwar
hatten italienische Diplomaten vor allem wegen der Südtirolfrage immer da-
vor gewarnt, die österreichischen Wehrverbände zu unterstützen; doch der
Führer der Heimwehren in den zwanziger Jahren, Richard Steidle, obwohl
selbst in Meran geboren, schwor jeglichem Südtirol-Irredentismus ab. Bei
Gelegenheit riet er seinen Leuten, über drei Dinge solle man in der Öffent-
lichkeit besser nicht reden: Über Südtirol, die Monarchie und die Juden18.
Ungarn und sein Ministerpräsident Graf Istvan Bethlen fungierten als Ge-
burtshelfer der Allianz mit den paramilitärischen Verbänden in Österreich.
Den außenpolitischen Hintergrund bildeten die Spannungen zwischen Rom
16 Lothar Höbelt, Die Heimwehren 1927–1929: Die Steiermark und der Bund, in: Zeit-
schrift des historischen Vereins für Steiermark 104 (2013) 219–263.
17 Lothar Höbelt, Die Heimwehren und die österreichische Politik 1927–1936. Vom poli-
tischen „Kettenhund“ zum „Austro-Fascismus“ (Graz 2016) 22 ff., 39 ff.; Walter Wiltschegg,
Die Heimwehr. Eine unwiderstehliche Volksbewegung ? (Wien 1985).
18 Documenti Diplomatici Italiani (DDI) (Roma 1952–) VII/7, 90 (20.11.1928); Höbelt,
Heimwehren 55 f.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Titel
- Die schwierige Versöhnung
- Untertitel
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Autoren
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Herausgeber
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Verlag
- Bozen-Bolzano University Press
- Ort
- Bozen
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Abmessungen
- 16.0 x 23.0 cm
- Seiten
- 616
- Schlagwörter
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918