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Italien als Vorbild für Österreich?
Natürlich: Die Heimwehren waren gegen den Marxismus und gegen den
Klassenkampf, für eine Stärkung der staatlichen Exekutive. Doch der Heim-
wehrbewegung fehlten – zum Unterschied von Mussolinis Faschisten – die
Wurzeln von links, der Rückhalt bei den Massen. Die Heimwehrbewegung
vermochte eine Zeitlang die Fronten des Kulturkampfs zu transzendieren,
Klerikale und Freisinnige im Kampf gegen die Linke zu sammeln, aber die
Fronten des Klassenkampfes aufzubrechen blieb ihr verwehrt. Ihre Führer
mochten noch so oft ihr soziales Gewissen betonen, aber sie galten doch in
erster Linie als Sprachrohr der alten Eliten, die mit dem Umsturz von 1918
ihre führende Stellung eingebüßt hatten. Die Heimwehren waren eben kei-
ne wirkliche nationalrevolutionäre Volksbewegung, die in der Lage gewesen
wäre, den Marxisten auch unter den Arbeitern mit Aussicht auf Erfolg ent-
gegenzutreten.
Es gab im Einzugsbereich der Heimwehren freilich eine Strömung,
die zumindest auf den ersten Blick große Gemeinsamkeiten mit dem italieni-
schen Faschismus aufwies, nämlich der Kreis um Othmar Spann und seine
Lehre von der „berufsständischen Ordnung“25. Ja, Spann war Mussolini in
dieser Beziehung sogar um einiges voraus: Er hatte mit seinen Vorlesungen
über den „wahren Staat“ schon 1920 begonnen. Spann avancierte an der Uni-
versität Wien zur Kultfigur, seine Vorlesungen waren ein Publikumsmagnet.
Seine Suche nach einem „dritten Weg“ zwischen Kapitalismus und Sozia-
lismus traf einen Nerv, ein dringendes Bedürfnis von Antimarxisten ohne
Kapital. Dabei sah Spann sich keineswegs als Synthese der bisherigen Welt-
anschauungen, sondern als deren konsequente Fortentwicklung: Der Marxis-
mus war für ihn bloß „gewendeter Liberalismus“, erst der Korporativismus
brachte seiner Meinung nach den Durchbruch zu einer neuen Sicht der Ge-
sellschaft. Der Bolschewismus erschien ihm dabei übrigens bereits als ein
gewisser Fortschritt im Sinne einer Überwindung der rein materialistischen
Lehre Marx’, denn darin „liegt ein Stück Tolstoi, ein öffentliches Bekenntnis
25 Vgl. Martin Schneller, Zwischen Romantik und Faschismus. Der Beitrag Othmar
Spanns zum Konservativismus der Weimarer Republik (= Kieler Historische Studien 12,
Stuttgart 1970); Sebastian Maass, Dritter Weg und wahrer Staat. Othmar Spann – Ideengeber
der Konservativen Revolution (Kiel 2010).
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Titel
- Die schwierige Versöhnung
- Untertitel
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Autoren
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Herausgeber
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Verlag
- Bozen-Bolzano University Press
- Ort
- Bozen
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Abmessungen
- 16.0 x 23.0 cm
- Seiten
- 616
- Schlagwörter
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918