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Die schwierige Versöhnung - Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
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104 Lothar Höbelt Diktatur vertraute in beiden Fällen im Zweifelsfall den – mehr oder weniger a-politischen – Technokraten, nicht den Ideologen62. Neustädter-Stürmer war der einzige Minister, dem das korporatis- tische System auch wirklich ein Anliegen war. Starhemberg als Führer der Heimwehren unterstützte ihn dabei kaum. Er gab einem Journalisten froh- gemut zur Antwort, bis die geistigen Voraussetzungen für einen Ständestaat geschaffen würden, werde es wohl noch so seine zehn, fünfzehn Jahre dau- ern63. Neustädter-Stürmer als Überzeugungstäter – und Gegner der orthodo- xen Finanzpolitik der Regierung64 – stellte ein gewisses Pendant zu Bottai in Italien dar, zu der „Cassandra del regime“, von dem man gesagt hat, er sei derjenige, der die Theorien, aus denen der Faschismus seine Anfänge bezog, am besten kannte; wahrscheinlich war er der einzige, der ernsthaft daran glaubte.65 Bezeichnen- derweise war Bottai von Mussolini nahezu ebenso desillusioniert wie Neu- städter-Stürmer von Starhemberg, der ihn 1935 aus der Regierung entfernte66. Ein Jahr später schied freilich auch Starhemberg selbst aus der Regie- rung aus. Die Heimwehren zogen sich in eine semi-oppositionelle Stellung zurück. Schuschnigg steuerte in Richtung eines subkutanen Pluralismus. Der Auf- und Ausbau der berufsständische Ordnung in Österreich war rückläu- fig. Das Experiment blieb auf halbem Wege stecken. Zu einem „Ständestaat“, einem neocorporativismo democratico, in einem „bi-koloren“ Rahmen, entwi- ckelte sich Österreich erst nach 1945. In einem gewissen Sinne traf auf die Alpenrepublik damit dasselbe zu wie auf Italien, vielleicht sogar in einem noch höheren Ausmaß: Der „Korporativismus“ wird realisiert, wenn niemand mehr darüber spricht67. 62 Siegfried Mattl, Die Finanzdiktatur, in: Austrofaschismus. Politik, Ökonomie, Kultur 1933–1938, hrsg. von Emmerich Talos, Wolfgang Neugebauer (Wien 52005) 202–221; zu Italien vgl. Melis, Macchina imperfetta 471 ff.; Lupo, Fascismo 382. 63 Heimatschützer (10.3.1934); Wohnout, Regierungsdiktatur 146. 64 Neustädter-Stürmer hatte sich – ebenso wie Bottai – positiv über den New Deal Roo- sevelts geäußert; zu den unorthodoxen Ansichten Neustädter-Stürmers vgl. Protokolle des Ministerrats der Ersten Republik, Abteilung IX: Kabinett Schuschnigg, hrsg. von Gertrude Enderle-Burcel (Wien 1988–2013), Bd. 2: 15 (30.10.1934) 367 f., (22.3.1935) 431, (3.4.1935); Bd. 3: 85 (22.6.1935); Guerri, Bottai 104. 65 Guerri, Bottai 239 f. (Übers. d. Verf.) 66 Als erste biographische Skizze vgl. jüngst Roman Gröger, Der Ständestaat: Odo Neu- städter-Stürmer – Leben und Ideologie (Horn 2017). 67 Santomassimo, Terza via 250. (Übers. d. Verf.)
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Die schwierige Versöhnung Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
Titel
Die schwierige Versöhnung
Untertitel
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
Autoren
Andrea Di Michele
Andreas Gottsmann
Luciano Monzali
Herausgeber
Karlo Ruzicic-Kessler
Verlag
Bozen-Bolzano University Press
Ort
Bozen
Datum
2020
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY-SA 4.0
ISBN
978-88-6046-173-5
Abmessungen
16.0 x 23.0 cm
Seiten
616
Schlagwörter
20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
Kategorien
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