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Lothar Höbelt
Diktatur vertraute in beiden Fällen im Zweifelsfall den – mehr oder weniger
a-politischen – Technokraten, nicht den Ideologen62.
Neustädter-Stürmer war der einzige Minister, dem das korporatis-
tische System auch wirklich ein Anliegen war. Starhemberg als Führer der
Heimwehren unterstützte ihn dabei kaum. Er gab einem Journalisten froh-
gemut zur Antwort, bis die geistigen Voraussetzungen für einen Ständestaat
geschaffen würden, werde es wohl noch so seine zehn, fünfzehn Jahre dau-
ern63. Neustädter-Stürmer als Überzeugungstäter – und Gegner der orthodo-
xen Finanzpolitik der Regierung64 – stellte ein gewisses Pendant zu Bottai in
Italien dar, zu der „Cassandra del regime“, von dem man gesagt hat, er sei
derjenige, der die Theorien, aus denen der Faschismus seine Anfänge bezog, am besten
kannte; wahrscheinlich war er der einzige, der ernsthaft daran glaubte.65 Bezeichnen-
derweise war Bottai von Mussolini nahezu ebenso desillusioniert wie Neu-
städter-Stürmer von Starhemberg, der ihn 1935 aus der Regierung entfernte66.
Ein Jahr später schied freilich auch Starhemberg selbst aus der Regie-
rung aus. Die Heimwehren zogen sich in eine semi-oppositionelle Stellung
zurück. Schuschnigg steuerte in Richtung eines subkutanen Pluralismus. Der
Auf- und Ausbau der berufsständische Ordnung in Österreich war rückläu-
fig. Das Experiment blieb auf halbem Wege stecken. Zu einem „Ständestaat“,
einem neocorporativismo democratico, in einem „bi-koloren“ Rahmen, entwi-
ckelte sich Österreich erst nach 1945. In einem gewissen Sinne traf auf die
Alpenrepublik damit dasselbe zu wie auf Italien, vielleicht sogar in einem
noch höheren Ausmaß: Der „Korporativismus“ wird realisiert, wenn niemand
mehr darüber spricht67.
62 Siegfried Mattl, Die Finanzdiktatur, in: Austrofaschismus. Politik, Ökonomie, Kultur
1933–1938, hrsg. von Emmerich Talos, Wolfgang Neugebauer (Wien 52005) 202–221; zu Italien
vgl. Melis, Macchina imperfetta 471 ff.; Lupo, Fascismo 382.
63 Heimatschützer (10.3.1934); Wohnout, Regierungsdiktatur 146.
64 Neustädter-Stürmer hatte sich – ebenso wie Bottai – positiv über den New Deal Roo-
sevelts geäußert; zu den unorthodoxen Ansichten Neustädter-Stürmers vgl. Protokolle des
Ministerrats der Ersten Republik, Abteilung IX: Kabinett Schuschnigg, hrsg. von Gertrude
Enderle-Burcel (Wien 1988–2013), Bd. 2: 15 (30.10.1934) 367 f., (22.3.1935) 431, (3.4.1935); Bd. 3:
85 (22.6.1935); Guerri, Bottai 104.
65 Guerri, Bottai 239 f. (Übers. d. Verf.)
66 Als erste biographische Skizze vgl. jüngst Roman Gröger, Der Ständestaat: Odo Neu-
städter-Stürmer – Leben und Ideologie (Horn 2017).
67 Santomassimo, Terza via 250. (Übers. d. Verf.)
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Title
- Die schwierige Versöhnung
- Subtitle
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Authors
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Editor
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Publisher
- Bozen-Bolzano University Press
- Location
- Bozen
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Size
- 16.0 x 23.0 cm
- Pages
- 616
- Keywords
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Categories
- Geschichte Nach 1918