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Paolo Valvo
riarch von Venedig, zu seinem Legat a latere ernannte. Darin betonte er, bei den
Mauern Wiens wurde weder für die Rettung einer einzigen Stadt noch für die einer
einzigen Nation gekämpft, sondern für die katholische Religion und für die christliche
Kultur ganz Westeuropas8. Zweihundertfünfzig Jahre später schien Österreich
ein weiteres Mal mit einer globalen Mission betraut zu sein, wie der Jesuit Do-
menico Mondrone in „La Civiltà Cattolica“ bestätigte: Während es der kleinen
Republik Österreich gelungen ist, an diesen Tagen die Blicke und die Bewunderung der
gesamten katholischen Welt auf sich zu ziehen, hat sie der Gedenkfeier in Wien auch
eine besondere Bedeutung verliehen, die eines festlichen Akts zur Wiedergutmachung
der Apostasie zahlreicher Völker und der Heucheleien vieler Nationen gegenüber Gott9.
Am darauffolgenden 27. September betonte Dollfuß bei der dritten Sitzung der
14. Vollversammlung des Völkerbunds, dass sich die neue österreichische Ver-
fassung auf die von Papst Leo XIII. und Papst Pius XI. erklärten Prinzipien stüt-
ze. Seine Rede schaffte es auf die erste Seite des „L’Osservatore Romano“10, wo
sie ebenfalls ausführlich von Guido Gonella unter der Rubrik „Acta Diurna“
kommentiert wurde. Der Journalist – bereits Direktor der Zeitschrift „Azione
Fucina“ des katholischen Studentenverbands Federazione Universitaria Catto-
lica Italiana (FUCI) und später Abgeordneter der Christdemokraten nach dem
Zweiten Weltkrieg – führte diese Rubrik von 1933 bis 1940.
Schon diese kurzen Einblicke können dabei helfen, zu verstehen, wa-
rum das österreichische politische Experiment jenen Bereichen des italieni-
schen Katholizismus als Quelle der Inspiration diente, die aktiv nach einem
„dritten Weg“ zwischen liberalem Kapitalismus und sozialkommunistischem
Kollektivismus suchten. Bevor sich das Interesse der Katholiken auf Öster-
reich richtete, hatte es sich im Übrigen auf das faschistische Regime konzen-
triert. Dessen korporativistische Ausrichtung, die im Gesetz vom 3. April
1926 betreffend die gesetzliche Regelung der kollektiven Arbeitsbeziehungen
angekündigt und mit der Arbeitsverfassung vom 21. April 1927 explizit fest-
gelegt wurde, hatte sich im darauffolgenden Jahrzehnt konkretisiert11. Wenn
8 Wiedergegeben in Mondrone, Trionfi 117. (Übers. d. Verf.)
9 Ebd. 127. (Übers. d. Verf.)
10 La discussione generale nella XIV Assemblea della Società delle Nazioni. Dollfuss
riafferma la volontà dell’Austria di basare le riforme sugli insegnamenti pontifici, in: L’Os-
servatore Romano, 29. September 1933 1.
11 Eine der aktuellsten Studien zum Thema siehe Alessio Gagliardi, Il corporativismo
fascista (Roma–Bari 2010).
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Titel
- Die schwierige Versöhnung
- Untertitel
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Autoren
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Herausgeber
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Verlag
- Bozen-Bolzano University Press
- Ort
- Bozen
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Abmessungen
- 16.0 x 23.0 cm
- Seiten
- 616
- Schlagwörter
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918