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Paolo Valvo
tie abzuhalten. Daraufhin holte Pacelli diesbezüglich die Meinung des Nunti-
us in Wien ein, der antwortete, dass ein Intervenieren bei Dollfuß überflüssig
und kontraproduktiv wäre, weil eine Nachgiebigkeit von Seiten des Kanzlers
nicht erwünscht sei. Das Urteil des Papstes war noch ausdrücklicher, wie aus
den Aufzeichnungen Pacellis weiter hervorgeht:
Der Heilige Vater wünscht, dass der Kanzler alles tut, was er tun muss, um
die Ordnung endgültig wiederherzustellen. Es war der Fehler von Seipel, der
Wien den Sozialisten zu einem gegebenen Zeitpunkt hätte wegnehmen könn-
en; aber er besaß nicht den Mut, dies zu tun. Da ist eine Härte, die sich in
Barmherzigkeit wandelt. Der Heilige Vater wird sich davor hüten, Dollfuß
einen Rat zu geben.51
2. Zwischen Mythos und Realität: Österreich als
„katholischer Staat“ in der italienischen Debatte
Der Februaraufstand 1934, der bei der katholischen Presse beinahe überall
auf Missbilligung stieß52, gab gleichzeitig den Anstoß für umfassendere Be-
wertungen des von Dollfuß propagierten, hochgesteckten Reformprogramms
für den Staat. Eher vage, im Vergleich zur Deutlichkeit der Urteile von Pius
XI., war zum Beispiel Alcide De Gasperis Stellungnahme in „L’Illustrazione
Vaticana“. De Gasperi erinnerte daran, dass die Sozialisten sich bereit erklärt
hatten, bei einer Verfassungsreform mitzuwirken, sofern dabei legale Wege eingeschla-
gen würden, das allgemeine Wahlrecht aufrechterhalten und die Gewerkschaftsfrei-
heit geschützt würde. Darüber hinaus sagte er: Die Vorschläge waren im Grunde
genommen fragwürdig: Wie soll man diesen gemeinsamen Weg mit einem Partner
einschlagen, der ein Pulverfass besitzt, um dich in die Luft zu sprengen, wenn es ihm
gerade gelegen ist? De Gasperi fügte weiter hinzu, dass auch die vorübergehende
Zusammenarbeit erfordert, dass hinter der Front kein unerbittlicher Krieg geführt
wird. Die Wiener Sozialisten hingegen entchristianisierten und fanatisierten die Ju-
gend und bedienten sich der politischen Macht, um die Bedeutung der Familie zu
51 Valvo, Dio 93 und Klieber, Die moralische und politische Schützenhilfe 561–564.
(Übers. d. Verf.)
52 Zum Beispiel Cronaca contemporanea, in: La Civiltà Cattolica I (1934) 556.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Titel
- Die schwierige Versöhnung
- Untertitel
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Autoren
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Herausgeber
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Verlag
- Bozen-Bolzano University Press
- Ort
- Bozen
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Abmessungen
- 16.0 x 23.0 cm
- Seiten
- 616
- Schlagwörter
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918