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Die katholische Welt Italiens und der christliche Ständestaat
(die FUCI eingeschlossen) anscheinend zusammenlief116. Des Weiteren ist zu
erwähnen, dass der Beitritt von Neuland zur österreichischen Katholischen
Aktion Ende Mai 1936 damit zusammenfiel, dass sich die autonomiebestreb-
ten Instanzen des katholischen Jugendverbands stärker gegen den Druck des
Regimes zur Eingliederung in die Regierungsorganisationen wehrten. Es
stellt sich somit zurecht die Frage, ob die Zeitschrift des Movimento Laureati,
indem sie Neuland Gehör verschaffte, indirekt auf dieses Thema eingehen
wollte, was jedoch tiefer gehende Kenntnisse seitens der Redakteure in Be-
zug auf die Debatte um die Autonomie der katholischen Jugend in Österreich
voraussetzen würde.
Grund für die redaktionelle Entscheidung von „Studium“ konnte al-
lerdings schlicht der Wunsch gewesen sein, die Leserschaft auf das hinzu-
weisen, was wie ein beträchtlicher Gärstoff in der europäischen Landschaft
der Jugendverbände schien. Die österreichische Streitigkeiten über die Un-
abhängigkeit der katholischen Jugend sollte in den folgenden Monaten in
einem immer angespannteren Klima fortdauern: Einerseits orientierte sich
die österreichische Regierung in Bezug auf die patriotische Eingliederung
der Jugendorganisationen zunehmend „totalitär“; andererseits war der Epi-
skopat gespalten, wobei die Mehrheit jedenfalls weiterhin auf die guten Ab-
sichten Schuschniggs vertraute und sich darauf berief, dass die christlichen
Grundlagen des österreichischen Staates das sicherste Bollwerk gegen die
antichristlichen Ideologien darstellte117. Der „Anschluss“ Österreichs an das
Dritte Reich, der sich in der Nacht vom 11. auf den 12. März 1938 vollzog, be-
endete diese Debatte und traf das Gefüge des österreichischen Katholizismus
– begonnen beim Episkopat – grundsätzlich unvorbereitet, um der Welle des
Nationalsozialismus entschieden entgegenzutreten.
116 Als Beispiel lässt sich hier noch einmal Guido Gonella heranziehen, der noch am
26. Februar 1938 die Notwendigkeit der Treue Österreichs zum Programm von Dollfuß be-
tonte, das sich in der Devise unabhängiges, autonomes, deutsches und christliches Österreich zu-
sammenfassen ließ, dort wo christliches Österreich bedeutet, dass das österreichische Volk, einer
tausendjährigen religiösen Tradition treu, das Christentum weiterhin als Leitprinzip seiner Politik
möchte. Es möchte, dass die Nationalität im Christentum nicht den Feind sieht, den es zu verfol-
gen gilt, sondern die spirituelle Plattform des öffentlichen und privaten Lebens; keine Werteordnung,
die dem Wert von Rassen nachgestellt werden muss, sondern eine unersetzbare Spiritualität, der die
Rassenanthropologie kategorisch unterstellt werden muss. Siehe Acta Diurna, in „L’Osservatore
Romano“, 26. Februar 1938, nun in: Gonella, Verso 284 f. (Übers. d. Verf.)
117 Dazu Gottsmann, Gleichschaltung.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Titel
- Die schwierige Versöhnung
- Untertitel
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Autoren
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Herausgeber
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Verlag
- Bozen-Bolzano University Press
- Ort
- Bozen
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Abmessungen
- 16.0 x 23.0 cm
- Seiten
- 616
- Schlagwörter
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918