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Franz Marek und der italienische Kommunismus
bisher nicht üblich war, dass eine Kommunistische Partei durch ihre Publika-
tionen gegen eine andere Kommunistische Partei auftritt.122
Im von Muhri und Scharf gezeichneten Schreiben machten die beiden deut-
lich, dass sie nicht der Meinung waren, dass eine derartige Publikation op-
portun sei. Immerhin war es
uns unerfindlich, wozu die KPI die Herausgabe dieses Buches nötig hatte,
wobei doch von vornherein offenkundig war, dass dies eine Brüskierung einer
– wenn auch kleinen – Bruderpartei bedeutet. Verschärft wird das noch durch
das Vorwort, das sich nicht nur von den antisowjetischen und gegen die KPÖ
gerichteten Angriffen nicht distanziert, sondern im Gegenteil eine im wesent-
lichen positive Einschätzung des Buches gibt123.
Die italienische Parteileitung beriet Anfang Januar 1974 über die Angelegen-
heit. Armando Cossutta war hierauf mit der Antwort im Namen der Partei
beauftragt. Dieser erwiderte mit klaren Worten auf die Anschuldigungen aus
Wien:
Wir möchten festhalten, dass die Publikation im Rahmen der autonomen
Entscheidung unseres Verlagshauses geschah. Darüber hinaus möchten wir
präzisieren, dass diese Publikation in keiner Weise eine Verfehlung unseres
Verlagshauses gegenüber eurer Partei bedeutet, noch handelt es sich um eine
Übertretung der Prinzipien die die Verhältnisse zwischen den kommunisti-
schen Parteien regeln.124
Tatsächlich bekräftigte auch Lombardo Radice die Bedeutung der österrei-
chischen Genossen im intellektuellen Diskurs in einem Schreiben an Sergio
Segre, indem er unterstrich, dass
es nicht sein kann, dass wir keine „normalen“ Beziehungen mit der einzigen
deutschsprachigen Gruppierung pflegen sollten, die sich explizit auf Gramsci
122 Lettera di Franz Muhri e Franz Scharf della KPÖ a Enrico Berlinguer, 5.12.1973, FIG,
APCI, 1973, CL 245.
123 Ebd.
124 Armando Cossutta an das ZK der KPÖ, Wien, 17.1.1974, FIG, APCI, CL 27. (Übers. d. Verf.)
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Titel
- Die schwierige Versöhnung
- Untertitel
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Autoren
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Herausgeber
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Verlag
- Bozen-Bolzano University Press
- Ort
- Bozen
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Abmessungen
- 16.0 x 23.0 cm
- Seiten
- 616
- Schlagwörter
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918