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Maximilian Graf
2. Im Schatten der Gegebenheiten:
Kreisky, Saragat und Nenni
Das scheinbare Fehlen von Interaktionen in den ersten beiden Nachkriegs-
jahrzehnten mag auch mit der Beschaffenheit des linken politischen Spek-
trums Italiens zusammenhängen, wo mit dem PCI die längste Zeit eine star-
ke, ja die stärkste westeuropäische kommunistische Partei dominierte, die
für den Antikommunisten Kreisky keinen Dialogpartner darstellte – ganz im
Gegenteil. Sein Verhältnis zu den anderen italienischen Linksparteien war
auch durch deren Haltung zum PCI determiniert. Kreisky kannte die beiden
prominentesten sozialistischen bzw. sozialdemokratischen Parteiführer Pie-
tro Nenni und Giuseppe Saragat bereits aus der Zwischenkriegszeit. Saragat
hatte in der Emigration in Wien gelebt. Nenni nahm 1931 als italienischer Emi-
grant an einem Treffen der Sozialistischen Arbeiter-Internationale in Wien
teil, auf dem der junge Kreisky als eine Art besserer Laufbursche fungierte. In
seinen Memoiren berichtet er mit großer Bewunderung vom „Erlebnis Pietro
Nenni“. Dieser hatte damals eine Brandrede gegen die deutschen Kommunisten, die
wenige Tage später den Volksentscheid gegen die demokratische preußische Regie-
rung unterstützten, gehalten. Nicht zuletzt auf Druck der Kommunistischen
Internationale hatte die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) am 22.
Juli 1931 in ihrem gegen die Sozialdemokratie gerichteten Kampf gegen den
„Sozialfaschismus“ ihre Unterstützung des Volksbegehrens zur vorzeitigen
Auflösung des preußischen Landtags angekündigt, das am 9. August aber
scheiterte, da es nicht von mehr als 50 Prozent der Wahlberechtigten unter-
stützt worden war. Diese Entscheidung der KPD prägte auch Kreiskys Ein-
stellung zum Kommunismus:
Wer in seinem Leben alle die vielen Wandlungen des Kommunismus erlebt
hat, von einer Bürgerkriegspartei in Deutschland zu einer pronazistischen
Partei durch die Unterstützung des Volksentscheides, vergißt das nicht und
wird meine Haltung zum Kommunismus verstehen. Sie ist historisch und
nicht nur politisch untermauert“.6
6 Bruno Kreisky, Die Zeit in der wir leben. Betrachtungen zur internationalen Politik,
hrsg. von Manuel Lucbert (Wien–München–Zürich–Innsbruck 1978) 53 f. Siehe auch Bruno
Kreisky, Zwischen den Zeiten. Erinnerungen aus fünf Jahrzehnten (Berlin 1986) 182. Nenni
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Titel
- Die schwierige Versöhnung
- Untertitel
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Autoren
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Herausgeber
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Verlag
- Bozen-Bolzano University Press
- Ort
- Bozen
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Abmessungen
- 16.0 x 23.0 cm
- Seiten
- 616
- Schlagwörter
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918