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Bruno Kreisky und die italienische Linke – ein Forschungsdesiderat
auf eine Solidaritätsadresse14. Während die Sozialdemokratie (in der Saragat
als Parteichef 1976 noch einmal ein Kurzzeitcomeback feierte) in der Krise
war, war auch die Sozialistische Partei weit davon entfernt, an der Dominanz
der Kommunisten im linken Parteienspektrum zu rütteln, deren Attraktivi-
tät im Kontext der wirtschaftlichen und politischen Krisen der ersten Hälf-
te der 1970er-Jahre und aufgrund der „eurokommunistischen“ Ausrichtung
der Partei beständig gewachsen war. Der PSI tendierte durchaus zu einer
Aktionseinheit à la union de la gauche wie sie François Mitterrand in Frank-
reich praktizierte, während der PCI in Italien jedoch im weiteren Verlauf der
1970er-Jahre zunehmend einen compromesso storico mit der Democrazia Cris-
tiana (DC) anstrebte.
3. Nuanciertes Misstrauen:
Kreisky und der italienische Eurokommunismus
Der als prononcierter Antikommunist bekannte Kreisky hatte diese Entwick-
lung seit jeher skeptisch, ja misstrauisch verfolgt. Als andere sozialdemokra-
tische und sozialistische Parteien Westeuropas wie die Sozialdemokratische
Partei Deutschlands (SPD) unter Willy Brandt sich daran machten einen Dia-
log mit reformorientierten kommunistischen Parteien zu wagen15, hielt er die
in Opposition befindliche SPÖ als 1967 frischgewählter Parteivorsitzender auf
entgegengesetztem Kurs. Er trat zwar auch nach der Niederschlagung des
„Prager Frühlings“ 1968 für eine Entspannungspolitik gegenüber den kom-
munistischen Regimen auf staatlicher Ebene ein, die SPÖ legte sich 1969 je-
doch mit der „Eisenstädter Erklärung“ auf eine Ablehnung jeglicher Zusam-
menarbeit mit kommunistischen Parteien ob im In- oder im Ausland fest16.
Daran änderte auch die Ablehnung der Intervention in der Tschechoslowakei
14 Direzione PSDI an Kreisky, Rom, 18. Februar 1975, Kreisky Archiv, VII.1 Länderboxen,
Italien.
15 Die SPD pflegte seit Ende der 1960er-Jahre einen Dialog mit dem PCI. In diesem Rah-
men hatte Berlinguer die SPD um diplomatische Unterstützung der italienischen Regierung
in der Südtirolfrage mit Österreich ersucht. Vgl. Nikolas Dörr, Die Rote Gefahr. Der italieni-
sche Eurokommunismus als sicherheitspolitische Herausforderung für die USA und West-
deutschland 1969–1976 (Köln–Weimar–Wien 2017) 207.
16 Robert Kriechbaumer, Die Ära Kreisky. Österreich 1970–1983 (Wien–Köln–Weimar
2006) 41 f.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Titel
- Die schwierige Versöhnung
- Untertitel
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Autoren
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Herausgeber
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Verlag
- Bozen-Bolzano University Press
- Ort
- Bozen
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Abmessungen
- 16.0 x 23.0 cm
- Seiten
- 616
- Schlagwörter
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918