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Bruno Kreisky und die italienische Linke – ein Forschungsdesiderat
Linken im Kontext der SI kann in diesem Beitrag nicht weiter eingegangen
werden. Bilateral belastete nach wie vor die Umsetzung des Südtirol-Pakets
die Beziehungen zwischen Österreich und Italien und dieses Thema domi-
nierte auch die sich entwickelnden Kontakt der Parteispitzen. Laut Michael
Gehler versuchte die SPÖ gegenüber den italienischen Sozialisten tendenziell
Abstand zu wahren und Kreisky hielt sich trotz seiner Rolle in der SI dem
Feld der bilateralen transnationalen Parteienkooperation eher fern44. Mit dem
PSI unter Craxi schien aber eine gewisse Veränderung einzutreten.
Jedenfalls zeigte Kreisky Interesse, die Standpunkte Craxis näher ken-
nenzulernen. Im Februar 1977 hatte ihn die SPÖ zu einem Besuch nach Wien
eingeladen, der PSI-Chef wollte daraufhin möglichst bald einen Termin vor-
schlagen, was aber dann noch einmal aufgeschoben werden musste45. Im De-
zember 1977 meldete sich Craxi dann brieflich bei Kreisky und regte eine Be-
sprechung über Südtirol-Probleme an. In seinem Schreiben informierte er über
die Provinz-Organisation des PSI und deren Schwierigkeiten in den Beziehungen
zu den übrigen politischen Kräften sozialistischer Gesinnung, jedoch deutscher Zunge
in Südtirol. Damit waren die Sozialdemokratische Partei Südtirols (SPS) un-
ter Führung von Hans Dietl und die Soziale Fortschrittspartei Südtirol (SFP)
unter Kreiskys Protegé Egmont Jenny gemeint. Craxi vertrat die Ansicht, dass
es notwendig sei, ein Verhältnis der Zusammenarbeit zwischen den Linkskräften im
Südtirol – und hier im Besonderen der PSI – und den örtlichen Organisationen der
SPÖ und der SPD, welche in der Gegend aktiv sind, herzustellen46.
Die Südtiroler Sozialdemokratie war klein und die deutschsprachigen
Parteien waren bei den Wahlen stärker als der PSI47. Nachdem eine zumin-
dest teilweise Sozialdemokratisierung der Südtiroler Volkspartei aussichtslos
schien, unterstützte Kreiskys SPÖ die beiden Kleinparteien SFP und dann
auch die später gegründete SPS und setzte sich – wenn auch aufgrund der
Gegensätzlichkeit ihrer Spitzenfunktionäre erfolglos – für deren Zusammen-
44 Gehler, Kreisky 205.
45 Interne Mitteilung. SPÖ-Zentralsekretariat, Hacker an Kreisky, 22. Februar 1978,
Kreisky Archiv, Prominentenkorrespondenz, Box 13.
46 Craxi an Kreisky, 15. Dezember 1977, Kreisky Archiv, Prominentenkorrespondenz, Box 13.
47 Zu den Linksparteien in Südtirol siehe: Joachim Gatterer, „rote milben im gefieder“.
Sozialdemokratische, kommunistische und grün-alternative Parteipolitik in Südtirol (Inns-
bruck–Wien–Bozen 2009).
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Titel
- Die schwierige Versöhnung
- Untertitel
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Autoren
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Herausgeber
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Verlag
- Bozen-Bolzano University Press
- Ort
- Bozen
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Abmessungen
- 16.0 x 23.0 cm
- Seiten
- 616
- Schlagwörter
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918