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Italien und der Beitritt Österreichs zur Europäischen Union (1989–1994)
Zum Glück – fuhr Bratina fort – verfolgt die Geschichte eine eigene Logik,
die auch eine positive Wende mit sich bringt; wahrscheinlich hätte vor achtzig
Jahre niemand gedacht, dass wir heute in diesem Parlament den Beitritt Ös-
terreichs zur Europäischen Union ratifizieren würden, denn die historischen
Entwicklungen und Veränderungen konnte man sich damals nicht vorstellen.
Genau aus diesem Grund jedoch sollten wir intelligent genug sein, zu ver-
stehen, dass es wichtig ist, offen zu sein und etwas Positives aufzubauen und
daher diesen europäischen Rahmen so betrachten, wie er sich darstellt, mit
allen Chancen, Ressourcen, Möglichkeiten, Identitäten und Reichtümern.26
In der italienischen Abgeordnetenkammer wurde die im Senat beschlossene
Maßnahme von Mirko Tremaglia, dem Präsidenten des Ausschusses für aus-
wärtige und gemeinschaftliche Angelegenheiten, vorgetragen und am 7. De-
zember zur Abstimmung gestellt. Aus den Reihen der PDS sprach als Erster
Fabio Evangelisti, der einen politischen Rückschritt der Union anprangerte.
Dieser war seiner Meinung nach auf eine fehlende gemeinsame Außenpoli-
tik beim Zerfall Jugoslawiens zurückzuführen sowie auf das „Nein“ beim
norwegischen Referendum und auf die zunehmenden euroskeptischen Be-
wegungen. Letztere würden manchmal von fremdenfeindlichen Haltungen
begleitet, die eine Folge der sich aus der Auflösung des sozialistischen Blocks
ergebenden Migrationsbewegungen seien27. Valdo Spini begrüßte den öster-
reichischen EU-Beitritt im Namen der Parlamentsfraktion „Progressisti-fede-
rativo“ – zu der die PDS zählte – mit besonderem Enthusiasmus, da dieser
die wirtschaftlichen und politischen Beziehungen zwischen Wien und Rom
stärke:
Weiters möchte ich in Bezug auf Österreich betonen, dass es sich um eine
für unser Land wichtige Angelegenheit handelt, und zwar die Verlängerung
der Grenzlinie zwischen Italien und der Europäischen Union. Bisher hat sich
diese Grenze nur auf jene mit Frankreich beschränkt, jetzt wächst sie sowohl
quantitativ (in Kilometern) als auch qualitativ durch die Beziehungen, die wir
26 Atti Parlamentari, Senato della Repubblica, XII. Legislaturperiode, 75. Sitzung, Ver-
sammlung, stenografischer Bericht, 3. November 1994, 82. (Übers. d. Verf.)
27 Atti Parlamentari, Camera dei deputati, XII. Legislaturperiode, Debatten, Sitzung vom
7. Dezember 1994, 6835–6838.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Titel
- Die schwierige Versöhnung
- Untertitel
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Autoren
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Herausgeber
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Verlag
- Bozen-Bolzano University Press
- Ort
- Bozen
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Abmessungen
- 16.0 x 23.0 cm
- Seiten
- 616
- Schlagwörter
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918