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Andrea Di Michele
und zu Gewalttaten, die oft von den zuständigen Behörden als subversive
politische Aktivitäten eingestuft wurden. Angesichts der extrem schwachen
Wirtschaftslage Österreichs, das nicht mehr in der Lage war, die eigene Be-
völkerung mit Grundnahrungsmitteln zu versorgen, waren die meisten Par-
teien und die Öffentlichkeit fest davon überzeugt, dass das Land über keine
ausreichenden Ressourcen verfügte, um als selbstständiger Staat bestehen
zu können. Demnach wurde die politische Union mit Deutschland als die
einzige Lösung zur Gewährleistung einer gewissen Stabilität angesehen. Die
Siegermächte sträubten sich allerdings gegen jeglichen Vorschlag eines „An-
schlusses“, der im Friedensvertrag von Saint Germain schließlich offiziell
verboten wurde: Österreich durfte sich ab sofort nicht mehr Deutschöster-
reich nennen, denn diese Bezeichnung enthielt einen klaren Hinweis auf die
deutsche Bevölkerungsgruppe und sie hätte einen starken Einfluss auf die
in den anderen Nachfolgestaaten lebenden deutschen Minderheiten ausüben
können6.
Österreich war also ein schwaches, von Hungersnot bedrohtes Land,
dessen Entwicklung von tiefen politischen und territorialen Spannungen
geprägt war. Hinzu kamen noch gefährliche Fliehkräfte, die sich von den
Grenzgebieten aus verbreiteten und zu einer Implosion des Staats Österreich
hätten führen können. Im Westen (Vorarlberg) gewannen die Verfechter der
Annexion an die Schweiz immer mehr Anhänger. In Tirol wurden hingegen
verschiedene Szenarien vorgeschlagen: Die Befürworter der Einheit Tirols,
die bald am Brenner entlang gespalten werden sollte, waren sogar bereit, die
alpine Region als autonomen Staat unter italienischer Herrschaft zu akzeptie-
ren. Andere liebäugelten hingegen mit dem Gedanken, gemeinsam mit Vor-
arlberg und Salzburg einen unabhängigen Staat zu gründen oder sich an die
6 Zu den Schwierigkeiten in Österreich nach dem Krieg siehe Manfried Rauchenstei-
ner, Unter Beobachtung. Österreich seit 1918 (Wien–Köln–Weimar 2017); Die umkämpfte Re-
publik. Österreich von 1918–1938, hrsg. von Stefan Karner (Innsbruck 2017); Ernst Hanisch,
Der lange Schatten des Staates. Österreichische Gesellschaftsgeschichte im 20. Jahrhundert
(Wien 1994) 263–336; Ludwig Jedlicka, Ende und Anfang Österreich 1918/19. Wien und die
Bundesländer (Salzburg 1969); Walter Goldinger, Dieter A. Binder, Geschichte der Repub-
lik Österreich 1918–1938 (Wien–München 1992); Angelo Ara, Un’identità in trasformazione:
l’Austria fra impero e seconda repubblica, in: Fra nazione e impero. Trieste, gli Asburgo, la
Mitteleuropea, hrsg. von Ders. (Milano 2009) 169 ff.; Zum „Anschluss“ siehe Giorgio Marsi-
co, Il problema dell’Anschluss austro-tedesco 1918–1922 (Milano 1983).
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Titel
- Die schwierige Versöhnung
- Untertitel
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Autoren
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Herausgeber
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Verlag
- Bozen-Bolzano University Press
- Ort
- Bozen
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Abmessungen
- 16.0 x 23.0 cm
- Seiten
- 616
- Schlagwörter
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918