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Von der Annexion bis zur faschistischen Ära
Schweiz oder an Deutschland anzuschließen7. Von allen Ländern Österreichs
zweifelte das konservative und antisozialistische Land Tirol am meisten an
Österreich. Erst nach dem Vertrag von Saint Germain, also mit der Fixierung
der Brennergrenze, erklärte der Tiroler Landtag offiziell den Beitritt Tirols zur
österreichischen Republik, eine Entscheidung, die lange aufgeschoben wor-
den war8. Der neue Staat verfügte aber über keinen politischen Zusammen-
halt und vor allem über keine eindeutige Identität. In dieser Hinsicht wiesen
die einzelnen Bundesländer viel stärkere Identitäten auf, die umso deutlicher
wieder auftauchten als die Monarchie unterging, und die dynastische Bin-
dung, auf deren Grundlage die Länder miteinander verbunden waren, ver-
schwand. In der chaotischen Nachkriegszeit ging es sogar soweit, dass die
Landesregierungen eigenständige Initiativen ergriffen, um ihre Beziehungen
zu den Nachbarländern zu stabilisieren. Sie gründeten lokale Armeen mit
stark nationalistischer und antisozialistischer Ausrichtung, die in manchen
Fällen eine wichtige Rolle beim Schutz der umstrittenen Grenzen spielten9.
Dem fragilen und zukunftsunsicheren Österreich stand nun Italien
gegenüber, das infolge der kriegsbedingten Auflösung der vier großen Reiche
Europas (das Deutsche, das Russische und das Osmanische Reich sowie Ös-
terreich-Ungarn) von einer mittleren Macht mit einer untergeordneten Rolle
zur drittgrößten europäischen Macht nach England und Frankreich aufstieg.
Das Kippen der alten Machtverhältnisse hätte radikaler nicht sein können.
Im Gegensatz zu den anderen Siegermächten erlebte Italien nicht nur die Nie-
derlage seines „Erbfeindes“, sondern auch dessen Untergang: Jahrzehntelang
7 Paolo Petta, Il sistema federale austriaco (Milano 1980) 64–73; Richard Schober, Tiro-
ler Anschluβfrage und Südtirolproblem im Lichte der deutschen Diplomatie, in: Innsbrucker
historische Studien 1 (1978) 129–171, hier 154; Zu den Bestrebungen einer Vereinigung an
Deutschland durch den „Anschluss“ in der ersten Nachkriegszeit siehe Hermann Kuprian,
Tirol und die Anschluβfrage 1918–1921, in: Tirol und der Anschluβ. Voraussetzungen, Ent-
wicklungen, Rahmenbedingungen 1918–1938, hrsg. von Thomas Albrich, Klaus Eisterer,
Rolf Steininger (Innsbruck 1988) 43 ff.
8 Richard Schober, Il Tirolo: da territorio della Corona a Land federale. Problemi politici
e amministrativi del primo dopoguerra, in: Tirolo – Alto Adige – Trentino 1918–1920, hrsg.
von Casimira Grandi (Trento 1996) 298–314, hier: 301–303; Federico Curato, Le relazioni ita-
lo-austriache alla conferenza della pace, in: Storia e Politica 12/3 (1973) 429–457. Zu den Auto-
nomiebestrebungen und den seperatistischen Tendenzen sowie zur generellen schwierigen
Lage nach dem Krieg in Tirol siehe Michael Gehler, Tirol im 20. Jahrhundert. Vom Kronland
zur Europaregion (Innsbruck-Wien 2008) 68 ff.
9 Die gewichtige Rolle, die diese regionale Angelegenheit im neu entstandenen Öster-
reich spielte, ist sehr gut in Goldinger, Binder, Geschichte der Republik Österreich 41 ff.
veranschaulicht.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Titel
- Die schwierige Versöhnung
- Untertitel
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Autoren
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Herausgeber
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Verlag
- Bozen-Bolzano University Press
- Ort
- Bozen
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Abmessungen
- 16.0 x 23.0 cm
- Seiten
- 616
- Schlagwörter
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918