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Andrea Di Michele
halten, was uns zweifelsohne und fairerweise zusteht – sofort auch die wohlwollende
römische Maßhaltigkeit unserer Handlungen und Gesten spüre37.
Die Militärmission kontrollierte, wie im Waffenstillstandsvertrag vor-
gesehen, die Reduzierung des österreichischen Militärkontingents. Wider-
stand gab es bei der Beschlagnahme von Kriegs- und Eisenbahnmaterial.
Ende November 1919, ein Jahr nach dem Waffenstillstand, sollten rund hun-
dert Züge mit Kriegsmaterial aus dem ehemaligen Österreich-Ungarn nach
Italien geschickt werden38. Vor allem aber war es die Requisition von Kunst-
werken und Manuskripten aus österreichischen Museen, Archiven und Bi-
bliotheken, die bei den österreichischen Institutionen sowie in der Bevölke-
rung auf Ablehnung stieß39. Die Mission hatte die Aufgabe, Kriegsgüter, Kunst-
werke etc., die von den Österreichern in diesem und in den vorangegangen Kriegen
vereinnahmt wurden ausfindig zu machen, um dann bei der Friedenskonferenz
deren Übergabe zu fordern40. Diesbezüglich zeigte sich Segre äußerst eifrig.
Eine eigens eingesetzte Kommission erstellte lange Listen über historische
und künstlerische Werke, die aus Italien stammten und deren Rückführung
gefordert wurde. Darunter befanden sich archäologische Fundstücke, Manu-
skripte, Archivfonds, Bibliotheken, Bilder und Skulpturen. Segre wollte voll-
endete Tatsachen schaffen und verfügte eine „einstweilige Beschlagnahme“
der beanspruchten Güter41. Damit sollte verhindert werden, dass die öster-
reichische Regierung mit den Vertretern der Entente diesbezüglich andere
Abmachungen traf. Vor allem hinsichtlich der vielen Bilder, die in der ersten
Hälfte des 19. Jahrhunderts von Venedig nach Wien gebracht worden waren,
gab es erhebliche Meinungsverschiedenheiten zwischen Wien und Rom, die
erst im Mai 1920 mit der Unterzeichnung eines Vertrages, in dem die italieni-
schen Forderungen akzeptiert wurden, ihr Ende fanden.
Dass Italien die Übergabe von Kulturgütern durchsetzen wollte, bevor
noch in Paris eine Entscheidung darüber getroffen oder ein bilaterales Ab-
kommen geschlossen wurde, war demütigend für Österreich. Italiens Politik
37 Segre, La missione 26. (Übers. d. Verf.)
38 Ebd. 100 f.
39 Siehe dazu Johann Rainer, Die Rückführung italienischer Kulturgüter aus Österreich
nach dem ersten Weltkrieg, in: Alpenregion und Österreich. Geschichtliche Spezialitäten,
hrsg. von Eduard Widmoser, Helmut Reinalter (Innsbruck 1976) 105–116.
40 Segre, La missione 118. (Übers. d. Verf.)
41 Ebd. 152.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Titel
- Die schwierige Versöhnung
- Untertitel
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Autoren
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Herausgeber
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Verlag
- Bozen-Bolzano University Press
- Ort
- Bozen
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Abmessungen
- 16.0 x 23.0 cm
- Seiten
- 616
- Schlagwörter
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918