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Jörg Ernesti
dinariates als Kanzler geleitet und quasi die Amtsgeschäfte dieses Gebietes
geführt29. Seine förmliche Ernennung zum Brixner Bischof scheiterte am Veto
der faschistischen Regierung, die keinen deutschsprachigen Kandidaten als
Bischof dulden wollte. Allerdings wich der Vatikan auch nicht der Gewalt,
indem ein den Faschisten genehmer Bischof ernannt wurde, sondern man
hielt an Mutschlechner fest. Am 13. Oktober 1928 wurde er von Pius XI. zum
Apostolischen Administrator ernannt und konnte damit die Diözese verwal-
ten, ohne die Vollmachten eines geweihten Bischofs zu besitzen.
Harte Kämpfe hatte Mutschlechner in der Folge um das Überleben
des Vinzentinums zu bestehen. Als der Unterricht in allen Schulen völlig auf
Italienisch umgestellt werden sollte, einschließlich des Religionsunterrichtes,
unterstützte er nachhaltig die Gründung von Pfarrschulen und verbot sei-
nen Priestern die Erteilung von Religionsunterreicht an öffentlichen Schulen
(1928). Auch den Unterricht in den anderen Fächern, der in den geheimen,
seit 1925 verbotenen „Katakombenschulen“ organisiert wurde (nicht zuletzt
mithilfe der Unterstützung des „Vereins für das Deutschtum im Ausland“),
betrachtete er mit Wohlwollen und hinderte Kleriker nicht, sich an dem Werk
zu beteiligen30. Der „Presseapostel“ Michael Gamper zählte auch zu den füh-
renden Köpfen des geheimen deutschen Schulwesens.
Mutschlechners Bemühungen, die deutschsprachigen Dekanate des
Bistums Trient an Brixen anzugliedern, scheiterten am Widerspruch Endri-
cis und der Provinzregierung. Den Faschisten war er wegen seiner unbeug-
samen Haltung sicher nicht genehm. 1929 wurde etwa kurioserweise sein
Schreibtisch konfisziert, da er sich geweigert hatte, an Wahlen teilzunehmen.
1929 wurde er zu einer Geldstrafe verurteilt, weil im Amtsblatt die verbo-
tenen deutschen Ortsnamen verwendet worden waren. Der volkstümliche,
aber in der Nationalitätenfrage wenig konziliante Mann kam also auch nach
dem Konkordat von 1929 nicht als Bischof in Frage.
29 Innerhofer, Bestverdienter Mann 187–211.
30 Maria Villgrater, Katakombenschule. Faschismus und Schule in Südtirol (Bozen 1984).
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Titel
- Die schwierige Versöhnung
- Untertitel
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Autoren
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Herausgeber
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Verlag
- Bozen-Bolzano University Press
- Ort
- Bozen
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Abmessungen
- 16.0 x 23.0 cm
- Seiten
- 616
- Schlagwörter
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918