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Jörg Ernesti
der geringste Anschein vermieden werden, die ganze Aktion sei eine Fronde
gegen den Bischof. Die Absender waren wohl realistischer als dieser, wenn
sie darauf hinwiesen, dass die Option für Deutschland auch eine Option für
den Nationalsozialismus impliziere: „Es hat sich immer klarer gezeigt, dass
die Propaganda für die deutsche Staatsbürgerschaft in Wirklichkeit ein Wer-
ben um die Zugehörigkeit zum Nationalsozialismus ist.“53 Um die kirchen-
feindliche Haltung jener Ideologie zu verdeutlichen, wird auf die Enzyklika
„Mit Brennender Sorge“ aus dem Jahr 1937 verwiesen, die in Südtirol be-
zeichnenderweise nicht veröffentlicht worden war. Geisler wird aufgerufen,
sich für den Erhalt seines Bistums einzusetzen. Die Priester könnten vor Ort
am besten gegen den Nationalismus und für die Versöhnung der Volksgrup-
pen wirken. Man konnte sich auch darauf berufen, dass Erzbischof Endrici
in Trient der Option sehr viel skeptischer gegenüberstand und die Sorgen
seiner deutschsprachigen Gläubigen zu zerstreuen suchte, dass man umge-
siedelt werde, wenn man nicht für Deutschland optiere54. Der Fürstbischof
hatte sich entsprechend am 1. Dezember 1939 im Volksboten geäußert, gegen
den Willen Pompanins und Geislers
Geisler saß damit zwischen den Stühlen. Die Mehrheit der Bevölkerung op-
tierte für Deutschland, und auch sein Generalvikar tendierte in diese Rich-
tung, während die Mehrheit seines Klerus nicht optieren wollte. Bedeutsam
ist in diesem Zusammenhang die Denkschrift, die der Fürstbischof am 11.
März 1940 an Pius XII. übersandte55. Hier schildert er zunächst die Haltung
seines Klerus in der Frage der Option. Die Dableiber wollten in Zukunft mög-
lichst viel Deutsches bewahren, was zu großen Konflikten führen müsse,
da die Regierung Südtirol „möglichst bald vollständig italienisch machen“
wolle56. Er verweist auf 20 Jahre Unterdrückung alles Deutschen in Südtirol,
sowohl in wirtschaftlicher als auch in kultureller Hinsicht. Deshalb glaubt
er auch nicht an Zusagen, dass Nicht-Optanten bleiben dürfen. Die Provinz
Bozen müsse „zu 100% italienisch und faschistisch werden“57. Daher bietet
53 Ebd. 221.
54 Diese Auffassung wiederholte er auch in seinem Fastenhirtenbrief „Vor der großen Ent-
scheidung“, Trient 1940.
55 Gelmi, Fürstbischof Johannes Geisler, Dok. 50 241–261.
56 Ebd. 243.
57 Ebd. 255.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Titel
- Die schwierige Versöhnung
- Untertitel
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Autoren
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Herausgeber
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Verlag
- Bozen-Bolzano University Press
- Ort
- Bozen
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Abmessungen
- 16.0 x 23.0 cm
- Seiten
- 616
- Schlagwörter
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918