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Die Revision der Staatsbürgerschaftsoptionen von 1939
Die geplante Reoptionsregelung führte bei der Sammelpartei der Südtiroler,
der Südtiroler Volkspartei (SVP), zu einer geradezu panikartigen Reaktion,
denn in Bozen bestanden gegenüber einer einseitigen italienischen Lösung
der Optantenfrage größte Bedenken. An die Alliierte Kontrollkommission in
Rom hatte die Partei wenige Tage vor Genehmigung des Gesetzentwurfs ap-
pelliert, das Problem könne nur eine zwischenstaatliche Lösung finden, an
der andere Regierungen und insbesondere jene Österreichs beteiligt werden
müssten11.
Die SVP selbst hatte sich bis zu diesem Zeitpunkt strikt geweigert, mit
Rom oder dem Präfekten von Bozen in der Options-Angelegenheit zu spre-
chen. Zum einen, weil man der Meinung war, der „Schandvertrag“ von 1939
sei zu annullieren12, vor allem aber, da man befürchtete, solche Gespräche
könnten als Aufgabe der Forderung nach Ausübung des Selbstbestimmungs-
rechts ausgelegt werden. Da die SVP im geplanten Gesetz jedoch die unmit-
telbare Gefahr einer massiven Ausweisung sowie eines Rückkehrverbotes
von Südtirolern erblickte, eilten Anfang 1946 Vertreter der Partei nach Rom,
nicht wissend, dass die Alliierten den Gesetzentwurf bereits abgelehnt hat-
ten13. De Gasperi kündigte daraufhin die Zurücknahme des Gesetzes und die
Einsetzung einer gemischtsprachigen Kommission unter Einbeziehung der
SVP zur Ausarbeitung eines neuen Optantengesetzes an. Damit konnte der
Ministerpräsident gegenüber den Alliierten behaupten, auch die SVP erken-
ne die Gültigkeit des Optionsabkommens von 1939 und damit den Verlust der
italienischen Staatsbürgerschaft durch die Optanten an14.
Wohl oder übel stimmte die SVP – auch auf Drängen der Alliierten –
der Mitarbeit an der Ausarbeitung eines Optantengesetzes zu, was in Südtirol
– v. a. in Kirchenkreisen – stark kritisiert wurde15. Im Frühjahr und Frühsom-
11 Schreiben von SVP-Obmann Erich Amonn und SVP-Generalsekretär Josef Raffeiner
(Bozen) an die Alliierte Kontrollkommission (Rom), Bozen, 12. 11. 1945, in: 1945–1947: Ge-
scheiterte Selbstbestimmung. Die Südtirolfrage, das Gruber-De Gasperi-Abkommen und
seine Aufnahme in den italienischen Friedensvertrag. Akten zur Südtirol-Politik 1945–1958
1, hrsg. von Michael Gehler (Innsbruck–Wien–Bozen 2011) Dok. 30, 110.
12 Schreiben von Erich Amonn (Bozen) an Alois Pompanin (Brixen), 25. 3. 1946, in: Ebd.
Dok. 63, 189.
13 Stadlmayer, Kein Kleingeld im Länderschacher 60 f.
14 Ebd. 62.
15 Schreiben von Generalvikar Alois Pompanin (Brixen) an Otto von Guggenberg (Bo-
zen), 11. 3. 1946, in: Gehler, Akten zur Südtirol-Politik 1, Dok. 59.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Titel
- Die schwierige Versöhnung
- Untertitel
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Autoren
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Herausgeber
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Verlag
- Bozen-Bolzano University Press
- Ort
- Bozen
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Abmessungen
- 16.0 x 23.0 cm
- Seiten
- 616
- Schlagwörter
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918