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Die Revision der Staatsbürgerschaftsoptionen von 1939
Pariser Abkommen Aufnahme gefunden hatte, noch nicht ratifiziert; zwei-
tens, und dies war wohl der Hauptgrund für die Untätigkeit Wiens, seien
die Arbeiten am österreichischen Staatsvertrag in vollem Gang41. Bereits seit
Sommer 1946 hatte der Abschluss eines Staatsvertrages eindeutig Vorrang vor
der Südtirolfrage gehabt42. Im Jänner 1947 hatten in London die Verhandlun-
gen der Sonderbeauftragten und Außenminister-Stellvertreter zum österrei-
chischen Staatsvertrag begonnen43 und Gruber glaubte an einen schnellen
Vertragsabschluss, weshalb er sich voll und ganz darauf konzentrieren woll-
te. Er weigerte sich strikt, die vorgeschlagene Note abzuschicken, versicherte
aber, sich nach der Moskauer Außenministerkonferenz, die am 10. März 1947
begann und für Österreich erfolglos enden sollte, um die Angelegenheit zu
kümmern. Gruber wollte die Verhandlungen persönlich führen und entnervt
schrieb Raffeiner Mitte April 1947 über Gruber in sein Tagebuch: Wenn er nur
Zeit hätte!44
Das Interesse Italiens an der Lösung der Optantenfrage war Anfang
1947 zweifellos größer als jenes Österreichs45. Vielleicht auch, wie Gruber
meinte, weil Italien die Frage unbedingt noch vor Abschluss des österrei-
chischen Staatsvertrags lösen wollte46, mithin im Glauben, es mit einem ver-
meintlich (noch) schwachen Verhandlungspartner zu tun zu haben. In den
Reihen der SVP war man jedenfalls mehr als enttäuscht über Gruber47, in des-
sen Agenda Südtirol nicht an erster Stelle stand und der gute Beziehungen
zum wichtigen Nachbarn Italien anstrebte bzw. nicht aufs Spiel setzen wollte.
Ganz untätig war Gruber doch nicht gewesen. Auf seinen ausdrücklichen
Wunsch hin48 fand seit Jänner 1947 ein informeller Meinungsaustausch zwi-
schen Maurilio Coppini, dem politischen Vertreter Italiens in Wien, und Ver-
41 Ebd.
42 Michael Gehler, Österreichs Außenpolitik der Zweiten Republik. Von der alliierten
Besatzung bis zum Europa des 21. Jahrhunderts, Bd. 1 (Innsbruck–Wien–Bozen 2005) 243.
43 Ebd. 239.
44 Raffeiner, Tagebücher, Eintrag vom 19. 4. 1947, 224.
45 Rolf Steininger, Südtirol zwischen Diplomatie und Terror 1947–1969, Bd. 1 1947–1959
(= Veröffentlichungen des Südtiroler Landesarchivs 6, Bozen 1999) 106.
46 Bericht des Bundeskanzleramtes, Außenamt über eine Besprechung in Wien am 8. 4.
1947, in: Gehler, Akten zur Südtirol-Politik 2, Dok. 84, 189.
47 Raffeiner, Tagebücher, Eintrag vom 2. 4. 1947, 218.
48 Legationsrat Coppini an Außenminister Pietro Nenni, Wien, 18. 1. 1947, in: DDI X/4,
Dok. 672, 773.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Titel
- Die schwierige Versöhnung
- Untertitel
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Autoren
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Herausgeber
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Verlag
- Bozen-Bolzano University Press
- Ort
- Bozen
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Abmessungen
- 16.0 x 23.0 cm
- Seiten
- 616
- Schlagwörter
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918