Seite - 340 - in Die schwierige Versöhnung - Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
Bild der Seite - 340 -
Text der Seite - 340 -
340
Stefan Lechner
in Wien an, Maßnahmen zu setzen, die die Südtiroler zu einer Rückoption be-
wegen könnten. So beschloss der Ministerrat im November 1948, die Gleich-
stellung der Südtiroler mit den österreichischen Staatsbürgern, die seit 1945
gewährt wurde, nur jenen weiterhin zuzugestehen, die ein Rückoptionsgesuch
einreichen würden. Auch wurde nur jenen die Vergabe der österreichischen
Staatsbürgerschaft in Aussicht gestellt, die im Rahmen der Rückoption um die
Wiederverleihung der italienischen Staatsbürgerschaft ansuchen würden92, ein
Paradox. Wie zu erwarten setzte daraufhin eine Rückoptionswelle ein.
Italien fühlte sich durch dieses Vorgehen brüskiert, protestierte heftig
und die Bearbeitung der Rückoptionsgesuche wurde vorläufig auf Eis gelegt.
Erst nach zähen Verhandlungen zwischen Italien und Österreich konnte 1950
eine Einigung erzielt und die Rückoption fortgesetzt werden. Hier wurde
offensichtlich, dass Italien an einer Rücksiedlung der Optanten kein Inter-
esse zeigte, ganz im Gegenteil. Auf der anderen Seite versuchten die SVP
und Österreich, eine möglichst große Zahl von Umsiedlern zur Rückkehr zu
bewegen, auch durch die Ausübung von Druck. Doch wie gesagt: Für die
Umsiedler kam das Optantendekret zu spät.
Die späte Lösung des Optantenproblems führte auch in Südtirol selbst
zu fortgesetzten Schwierigkeiten. Öffentliche Stellen konnten weiterhin nicht
besetzt werden, es kam zu Entlassungen und eine politische Normalisierung
ließ auf sich warten. Die zum Teil rigorose Umsetzung des Optantendekrets
rief im Land Spannungen hervor und drohte das politische Klima zu ver-
giften93. Die Regelung war aber doch noch rechtzeitig gekommen, allerdings
im allerletzten Moment, um der großen Mehrheit der Südtiroler in Italien die
Teilnahme an den ersten Parlamentswahlen der Nachkriegszeit im April 1948
zu ermöglichen.
92 Lechner, Alexander, Die Rücksiedlung 218 f.
93 Raffeiner, Tagebücher, Eintrag vom 18. 9. 1948, 417 f.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Titel
- Die schwierige Versöhnung
- Untertitel
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Autoren
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Herausgeber
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Verlag
- Bozen-Bolzano University Press
- Ort
- Bozen
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Abmessungen
- 16.0 x 23.0 cm
- Seiten
- 616
- Schlagwörter
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918