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Der Sonderfall: Südtirol und die Grenzen der österreichischen Nachkriegsnation
Das neue staatliche Selbstverständnis beruhte auf Abgrenzung von Deutsch-
land. Österreich sei nie Teil Deutschlands oder einer deutschen Nation gewe-
sen17. Manche Autoren führten die österreichische Eigenständigkeit bis zum
Privilegium minus im Jahre 1156 zurück; andere wählten die Auflösung des
Heiligen Römischen Reiches im Jahre 180618. Die Österreicher wären anderer
Abstammung als die Deutschen und sprächen eine eigene Sprache19. Die ös-
terreichische Identität sei durch Gegenreformation und Barock geformt und
bilde einen katholischen Gegenpol zum protestantischen Deutschland20. Die
Österreicher fühlten sich ihren östlichen und südöstlichen Nachbarn näher
verbunden als den Deutschen21. Und nicht zuletzt: die Österreicher seien 1938
gegen ihren Willen vom Deutschen Reich annektiert worden; sie wären von
der internationalen Gemeinschaft im Stich gelassen worden und hätten im
Rahmen ihrer Möglichkeiten gegen das Regime Widerstand geleistet. Sie wä-
ren ein Opfer des nationalsozialistischen Deutschlands gewesen22.
Während dieses Österreichbild ursprünglich auf aktivistische Min-
derheiten vor allem des legitimistischen Umfelds beschränkt war, rückte es
nunmehr ins Zentrum der öffentlichen Bewusstseinsbildung. Zuerst gelang
dies innerhalb des katholisch-konservativen Lagers, dem dieser betonte Ös-
terreichpatriotismus zur politischen Legitimierung nach dem autoritären
17 Siehe etwa Wilhelm Böhm in: Österreichische Zeitgeschichte im Geschichtsunterricht,
hrsg. vom Bundesministerium für Unterricht (Wien 1961) 151; Ernst Fischer, Der österrei-
chische Volks-Charakter (London 1944).
18 Siehe Ernst Joseph Görlich, Handbuch des Österreichers (Wien 1949) für das Privilegium
minus, und Felix Kreissler, Der Österreicher und seine Nation (Wien 1984), mit Fokus auf 1806.
19 Alfred Missong, 25 Thesen zur österreichischen Nation, in: Österreichische Monats-
hefte 11 (1948) 484–488, stellt ein Beispiel für die Abstammungstheorie dar; die Sprachtheo-
rie kommt unter anderem in C. F. Hrauda, Die Sprache des Österreichers (Salzburg 1949)
zum Ausdruck.
20 Siehe unter anderem Ludwig Reiter, Österreichische Staats- und Kulturgeschichte
(Klagenfurt 1947) 122.
21 Siehe etwa Moritz Csáky, Wie deutsch ist Österreich – eine ewiggestrige Frage?, in: Die
Presse (21./22. Dezember 1985) 11.
22 Diese Haltung prägte schon die Gründung der Zweite Republik und nahm einen
wichtigen Platz in ihrer Unabhängigkeitserklärung ein. Siehe Proklamation über die Selb-
ständigkeit Österreichs, Staatsgesetzblatt für die Republik Österreich 1945, Stück 1, Nr. 1.
Auch das halbamtliche Rot-Weiss-Rot-Buch des Jahres 1946 nannte Österreich daher das ers-
te und zugleich von der Welt im Stich gelassene Opfer der nationalsozialistischen Aggres-
sion. Siehe Rot-Weiss-Rot-Buch (Wien 1946) 5. Für wissenschaftliche Ausformungen siehe
Karl Stadler, Österreich 1938–1945 (Wien 1966) und Felix Kreissler, Der Österreicher und
seine Nation (Wien 1984).
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Titel
- Die schwierige Versöhnung
- Untertitel
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Autoren
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Herausgeber
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Verlag
- Bozen-Bolzano University Press
- Ort
- Bozen
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Abmessungen
- 16.0 x 23.0 cm
- Seiten
- 616
- Schlagwörter
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918