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Die schwierige Versöhnung - Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
Seite - 362 -
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362 Peter Thaler land einen erheblichen Teil von ihnen im Lande behalten musste, wurde von staatlicher Seite lange als unverdiente Belastung empfunden. In diesem Licht ist es bemerkenswert, wie unberührt die Südtirolfrage von dieser nationalen Neuausrichtung blieb. Über parteipolitische Grenzen hinweg war man sich über ein fortdauerndes Nahe- und Schutzverhältnis zu dieser Bevölkerungsgruppe einig. Aus theoretischer Warte war dies nicht selbstverständlich. Zwar hatten konservative Gruppierungen anfänglich den Begriff einer österreichischen Ethnonation ins Spiel gebracht, der man die Südtiroler zuordnen konnte, hatten sich damit in der Öffentlichkeit aber nicht durchgesetzt. Zudem hätte sich dieses Konzept auch auf die deutschsprachi- gen Bevölkerungen in Slowenien und Teilen Ungarns und der Tschechoslo- wakei erstrecken müssen, was allerdings kaum umgesetzt wurde. Neben der besonderen Rolle des Bundeslandes Tirols als Fürsprecher Südtirols in Wien fallen auch praktische Unterschiede ins Auge. Die Südti- rolfrage war im Kern keine Flüchtlingsfrage, sondern eine Grenzfrage. Zwar waren während des Zweiten Weltkriegs zehntausende Optanten nach Öster- reich gekommen. Diese waren allerdings schon besser im Lande verankert und zahlenmäßig darüber hinaus im Rückgang begriffen. Im Gegensatz zu den Vertriebenen aus Mähren oder Jugoslawien hätten die Südtiroler also ihr Land mit nach Österreich eingebracht. Dies gab ihnen einen grundlegend an- deren Status. Die Südtirolfrage hätte bei theoretischer Folgerichtigkeit eine Her- ausforderung für den österreichischen Nachkriegsnationalismus werden können. In der Praxis erwies sich dagegen die pragmatische Anpassungs- fähigkeit nationaler Argumentationsweisen. Wie etwa das wiedererstandene Polen nach dem Ersten Weltkrieg sowohl sprachlich polnische Gebiete mit überwiegend deutscher Geschichte als auch staatsgeschichtlich polnische mit überwiegend ukrainischer Bevölkerung beanspruchte, verband auch die österreichische Nachkriegsrepublik ihr Selbstverständnis als nichtethnische Staatsnation mit moralischen Ansprüchen auf ein geschichtlich und kulturell nahestehendes Gebiet wie Südtirol. Dabei wurde Südtirol sowohl von betont österreichnationalen Parteien wie ÖVP und KPÖ als auch von der zumindest in den 1950er und 1960er Jahren noch uneingeschränkt deutschnational aus- gerichteten FPÖ als nationale Frage beschrieben.
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Die schwierige Versöhnung Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
Titel
Die schwierige Versöhnung
Untertitel
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
Autoren
Andrea Di Michele
Andreas Gottsmann
Luciano Monzali
Herausgeber
Karlo Ruzicic-Kessler
Verlag
Bozen-Bolzano University Press
Ort
Bozen
Datum
2020
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY-SA 4.0
ISBN
978-88-6046-173-5
Abmessungen
16.0 x 23.0 cm
Seiten
616
Schlagwörter
20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
Kategorien
Geschichte Nach 1918
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