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Peter Thaler
land einen erheblichen Teil von ihnen im Lande behalten musste, wurde von
staatlicher Seite lange als unverdiente Belastung empfunden.
In diesem Licht ist es bemerkenswert, wie unberührt die Südtirolfrage
von dieser nationalen Neuausrichtung blieb. Über parteipolitische Grenzen
hinweg war man sich über ein fortdauerndes Nahe- und Schutzverhältnis zu
dieser Bevölkerungsgruppe einig. Aus theoretischer Warte war dies nicht
selbstverständlich. Zwar hatten konservative Gruppierungen anfänglich den
Begriff einer österreichischen Ethnonation ins Spiel gebracht, der man die
Südtiroler zuordnen konnte, hatten sich damit in der Öffentlichkeit aber nicht
durchgesetzt. Zudem hätte sich dieses Konzept auch auf die deutschsprachi-
gen Bevölkerungen in Slowenien und Teilen Ungarns und der Tschechoslo-
wakei erstrecken müssen, was allerdings kaum umgesetzt wurde.
Neben der besonderen Rolle des Bundeslandes Tirols als Fürsprecher
Südtirols in Wien fallen auch praktische Unterschiede ins Auge. Die Südti-
rolfrage war im Kern keine Flüchtlingsfrage, sondern eine Grenzfrage. Zwar
waren während des Zweiten Weltkriegs zehntausende Optanten nach Öster-
reich gekommen. Diese waren allerdings schon besser im Lande verankert
und zahlenmäßig darüber hinaus im Rückgang begriffen. Im Gegensatz zu
den Vertriebenen aus Mähren oder Jugoslawien hätten die Südtiroler also ihr
Land mit nach Österreich eingebracht. Dies gab ihnen einen grundlegend an-
deren Status.
Die Südtirolfrage hätte bei theoretischer Folgerichtigkeit eine Her-
ausforderung für den österreichischen Nachkriegsnationalismus werden
können. In der Praxis erwies sich dagegen die pragmatische Anpassungs-
fähigkeit nationaler Argumentationsweisen. Wie etwa das wiedererstandene
Polen nach dem Ersten Weltkrieg sowohl sprachlich polnische Gebiete mit
überwiegend deutscher Geschichte als auch staatsgeschichtlich polnische
mit überwiegend ukrainischer Bevölkerung beanspruchte, verband auch die
österreichische Nachkriegsrepublik ihr Selbstverständnis als nichtethnische
Staatsnation mit moralischen Ansprüchen auf ein geschichtlich und kulturell
nahestehendes Gebiet wie Südtirol. Dabei wurde Südtirol sowohl von betont
österreichnationalen Parteien wie ÖVP und KPÖ als auch von der zumindest
in den 1950er und 1960er Jahren noch uneingeschränkt deutschnational aus-
gerichteten FPÖ als nationale Frage beschrieben.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Title
- Die schwierige Versöhnung
- Subtitle
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Authors
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Editor
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Publisher
- Bozen-Bolzano University Press
- Location
- Bozen
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Size
- 16.0 x 23.0 cm
- Pages
- 616
- Keywords
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Categories
- Geschichte Nach 1918