Seite - 378 - in Die schwierige Versöhnung - Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
Bild der Seite - 378 -
Text der Seite - 378 -
378
Federico Scarano
tirolern die Mehrheit im Land sichern sollte54. Michael Gamper schrieb hin-
gegen im „Volksboten“ und in den „Dolomiten“, dass die Südtirolfrage noch
nicht verloren sei und sich das Blatt auf der Friedenskonferenz noch wenden
könne. Kompromisse lehnte er ab, nur die Rückkehr zu Österreich werde der
Südtiroler Bevölkerung das Überleben sichern, die Fremdherrschaft bedeute
ihren Tod55.
Nachdem auch die kleinen Grenzanpassungen abgelehnt worden wa-
ren, war aus Sicht Grubers eine durch den Friedensvertrag garantierte Au-
tonomie Südtirols der einzig gangbare Weg. Die Briten meinten, dies sollte
durch ein direktes Abkommen zwischen Italien und Österreich abgesichert
werden. Amonn und Raffeiner trafen am 4. Juli 1946 mit Silvio Innocenti, dem
Präfekten Bozens, zusammen und erklärten ihm, dass sie bereit wären, mit
den italienischen Behörden zusammenzuarbeiten und über das Autonomie-
projekt zu sprechen. Ferner zeigten sie ihm auf, dass der dritte Punkt des
Parteiprogramms nicht mehr gültig sei56. Der Präfekt Bozens schickte De Gas-
peri demnach eine von Amonn und Raffeiner unterzeichnete Erklärung, laut
derer die SVP den dritten Punkt seines Programms für ungültig erklärt hätte.
Die Partei bemühte sich, die Spannungen in Südtirol zu beruhigen und bat
die Regierung, die großzügigste Lösung hinsichtlich der Wiedererlangung
der italienischen Staatsbürgerschaft für die Südtiroler Optanten zu gewäh-
ren. Die SVP war für eine Zusammenarbeit mit den italienischen Behörden
und mit Innocenti bereit, sie lehnte jedoch die Gründung einer autonomen
Region Trentino-Südtirol ab. Innocenti meinte gegenüber De Gasperi aller-
dings, es sei nicht zu leugnen, dass die beiden Provinzen durch viele gemein-
same Interessen verbunden seien57.
Bereits am 13. Juli wollte sich Gruber mit De Gasperi mithilfe des italieni-
schen Geschäftsträgers in Wien, Roberto Gaja, treffen. Gruber wollte mit
54 Ebd. 115.
55 Steurer, Südtirol 1943–1946, 81.
56 Steininger, Los von Rom, Doc. 27 284 ff.; Raffeiner, Tagebücher 138.
57 DDI, X Serie, IV 59–60. Die Südtiroler haben daraufhin dieses Memorandum ange-
fochten, das De Gasperi von Innocenti präsentiert. Sie behaupteten, dass es gefälscht war;
dies scheint jedoch auch ein Bericht des britischen Konsuls in Bozen, K. R. Welbore Kerl, zu
bestätigen. Amonn und Raffeiner informierten ihn am 8. Juli und fügten hinzu, dass eine
internationale Garantie für die Einhaltung ihrer Rechte notwendig gewesen wäre. Steinin-
ger, Los von Rom 100–110, sowie Doc. 27, 284 f.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Titel
- Die schwierige Versöhnung
- Untertitel
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Autoren
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Herausgeber
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Verlag
- Bozen-Bolzano University Press
- Ort
- Bozen
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Abmessungen
- 16.0 x 23.0 cm
- Seiten
- 616
- Schlagwörter
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918