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Italien und die Südtirolfrage von De Gasperi bis Moro
sich an seine Jahre im Exil in Wien, wo auch seine Tochter zur Welt kam.
Er war gegen die Neunzehnerkommission, die Österreich die Möglichkeit
für weiterreichende Forderungen einräume136. Moro teilte diese Meinung
nicht, er zielte auf einen möglichst breiten Konsens. An den Sitzungen zur
Südtirol-Thematik konnten interessierte Minister teilnehmen, wie Giulio
Andreotti (Verteidigungsminister, dann Minister für Industrie), Roberto Tre-
melloni (Finanz-, dann Verteidigungsminister), Paolo Emilio Taviani (Innen-
minister), Luigi Gui (Bildungsminister), Oronzo Reale (Justizminister) und
Pietro Nenni (stellvertretender Ministerpräsident). Als Experten wohnten
diesen Treffen für gewöhnlich auch die Diplomaten Roberto Gaja, Gianfranco
Pompei und Mario Toscano bei. Die Widerstände gegen einen Kompromiss
in der Südtirolfrage waren in Italien sehr stark. Man befürchtete Racheak-
tionen der SVP gegen die italienische Minderheit in Südtirol, was auch in
der italienischen Bozener Tageszeitung „Alto Adige“, welche die Regierung
Moro der Schwäche beschuldigte, thematisiert wurde. Die extremen Rech-
ten der MSI und die Unione Monarchica Italiana (UMI) beschuldigten den
Ministerpräsidenten, Südtirol unter seinem Wert verkauft zu haben und be-
zeichneten dies als Verrat an den 700.000 gefallenen italienischen Soldaten
des Ersten Weltkrieges. Moro erhielt sogar Drohbriefe. Auch wichtige christ-
demokratische Politiker wie Innenminister Taviani, Außenminister Amin-
tore Fanfani (1965 bis 1968) und der ehemalige Innenminister Scelba hatten
Bedenken und wollten Österreich von den Verhandlungen ausschließen.
Auch Präsident Antonio Segni betonte am 23. Mai 1964 seine verfassungs-
rechtlichen Bedenken und seine Zweifel an der Strategie von Saragat und
Moro137. Segni hatte sich diesbezüglich bereits 1961 wie Taviani und Attilio
Piccioni geäußert, auch der Mitte-Links Regierung stand er negativ gegen-
über. Am 25. Mai 1964 kam es in Genf zu einer weiteren Zusammenkunft
der beiden Außenminister. Es wurde beschlossen, in jedem Land Experten-
ausschüsse einzusetzen, die sich zu gemeinsamen geheimen Sitzungen tref-
fen und die Beschlüsse der Neunzehnerkommission überprüfen sollten. Von
italienischer Seite sollten vor allem die Bedingungen kontrolliert werden, an
die sich Wien bei einer Streitbeilegungserklärung138 zu halten hatte. Davon
136 Scarano, Aldo Moro 518.
137 Ebd. 519.
138 Toscano, Storia diplomatica 649 ff.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Titel
- Die schwierige Versöhnung
- Untertitel
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Autoren
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Herausgeber
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Verlag
- Bozen-Bolzano University Press
- Ort
- Bozen
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Abmessungen
- 16.0 x 23.0 cm
- Seiten
- 616
- Schlagwörter
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918