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Die Südtirolfrage und die Bundesrepublik Deutschland (1966–1969)
rechtsextremer Gruppierungen vorzubeugen2. Für Italien war die deutsche
politische Vorgehensweise wenig verständlich, denn andererseits sympathi-
sierte der deutsche Kanzler nur ungern mit der Regierung in Wien. Mehrmals
äußerte sich Adenauer in privaten Gesprächen negativ über Österreich, das
allzu oft Deutschland die alleinige Verantwortung einer zum großen Teil ge-
meinsamen Vergangenheit aufbürde3.
So standen die Beziehungen zwischen Wien und Bonn vor allem zur
Zeit des sozialistischen Außenministers Bruno Kreisky während seiner sie-
benjährigen Tätigkeit am Ballhausplatz (Juli 1959–April 1966) auf der Kippe.
Umstritten ist Kreiskys Verhältnis zur terroristischen Bewegung in Südtirol,
in der er anfangs ein Druckmittel zur Überwindung der Pattsituation bei den
entscheidenden Momenten der Verhandlungen sah4. Kreisky tendierte aber
gleichzeitig dazu, der Regierung in Bonn die Verantwortung aufzubürden
und die an Wien gerichteten Vorwürfe wegen mangelhafter Kontrolle der Fi-
nanzierung terroristischer Gruppen auf Deutschland abzuwälzen. Bei einem
vertraulichen Gespräch im Oktober 1965 mit Roberto Gaja, damals Generaldi-
rektor der Abteilung für politische Angelegenheiten im italienischen Außen-
amt, zeichnete Kreisky angesichts der Regierungskrise und Neuwahlen ein
sehr detailliertes Bild vom Südtiroler Terrorismus5. Nach Meinung des öster-
reichischen Ministers würde sich Südtirol als perfekte Bühne für ein politisch
begrenztes Experiment anbieten, für das die deutschen Flüchtlinge, allen
2 Federico Scarano, La Germania di Adenauer e la questione dell’Alto Adige, in: Rivista
di Diritto Pubblico e Scienze Politiche 3 (2000) 349–394. Der Autor nennt das Beispiel von Bun-
desverkehrsminister Hans-Christoph Seebohm, der gleichzeitig Sprecher eines sudetendeut-
schen Vertriebenenvereins war. Dieser hatte im September 1960 – zur gleichen Zeit wandte
sich Österreich an die UNO – seine vollste Unterstützung in der Causa Südtirol zum Aus-
druck gebracht und dadurch heftige Proteste der italienischen Botschaft in Bonn ausgelöst.
3 Michael Gehler, Bruno Kreisky, Italien und die Deutsche Frage, in: Italien, Österreich
und die Bundesrepublik Deutschland in Europa, hrsg. von Michael Gehler, Maddalena Gui-
otto (Wien–Köln–Weimar 2012) 199.
4 Auf ein paar Masten mehr oder weniger soll es nicht ankommen, hatte Kreisky bei
verschiedenen Gelegenheiten formuliert, so Rolf Steininger, Südtirol zwischen Diplomatie
und Terror 1947–1969, Bd. III (Bozen 1999) 253. Auch Gehler zufolge hielt es der Minister ab
Herbst 1958 für nützlich, die Situation in Südtirol zu „dramatisieren“, um auf internationaler
Ebene etwas zu erreichen. Siehe Gehler, Bruno Kreisky 178. Im Grunde sind sich beide Au-
toren darin einig, dass der Irredentismus als Sprengstoff instrumentalisiert wurde, um die
Italiener zum Handeln zu zwingen und sich anschließend wieder davon zu distanzieren,
wenn rechtsextreme Elemente ins Spiel kommen.
5 Archivio Centrale dello Stato (ACS), Bestand Aldo Moro, Karton 104, Akte 637, resocon-
to incontro Fiumicino Gaja-Kreisky, 5. Oktober 1965.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Titel
- Die schwierige Versöhnung
- Untertitel
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Autoren
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Herausgeber
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Verlag
- Bozen-Bolzano University Press
- Ort
- Bozen
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Abmessungen
- 16.0 x 23.0 cm
- Seiten
- 616
- Schlagwörter
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918