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Sozialistische Beiträge zur Nationalitätenfrage in Tirol und Südtirol 1890–1992
tierte. Die Sozialdemokratie war von diesem Umstand insofern herausgefor-
dert, als mit der nationalen Ungleichheit innerhalb der Monarchie auch eine
soziale Ungleichheit einherging, zumal eine deutsch-österreichische Min-
derheitsbevölkerung durch privilegierten Zugang zum Staatsapparat eine
gespaltene Mehrheit aus Tschechen, Polen, Italienern und anderen Nationa-
litäten dominieren konnte9. 1899 legte die SDAP mit dem Brünner Nationa-
litätenprogramm10 für dieses Problem einen Lösungsvorschlag vor, der die
Nationalitätenfrage mit der angestrebten Demokratisierung Österreich-Un-
garns verband. Durch Einführung des allgemeinen Wahlrechts sollten so-
ziale Privilegien abgebaut und die politische Partizipation gleichmäßig auf
die breite Bevölkerung ausgedehnt werden11; die verbleibenden nationalen
Unterschiede würden anschließend durch die Schaffung „national abge-
grenzte[r] Selbstverwaltungskörper“ entschärft. Allerdings wollte man den
Vielvölkerstaat als „Nationalitätenbundestaat“ erhalten, was vordergründig
als internationalistische Geste gelesen werden konnte, tatsächlich aber vor
allem dem reformistischen Grundgedanken der SDAP, ihrem Wunsch nach
einem Ausgleich mit dem Habsburgerstaat, entsprach12.
9 Vgl. Lenka Bobikova, Die Arbeiterbewegung und die Nationalitätenkämpfe vor 1914
– eine Darstellung der Entwicklung, in: Arbeiterbewegung und Nationale Frage in den
Nachfolgestaaten der Habsburgermonarchie, hrsg. von Helmut Konrad (Wien–Zürich 1993)
35–64, hier: 36.
10 Die Forderungen des Brünner Programms lauteten: „1. Österreich ist umzubilden in
einen demokratischen Nationalitätenbundesstaat. 2. An Stelle der historischen Kronländer
werden national abgegrenzte Selbstverwaltungskörper gebildet, deren Gesetzgebung und
Verwaltung durch Nationalkammern, gewählt auf Grund des allgemeinen, gleichen und
direkten Wahlrechtes, besorgt wird. 3. Sämtliche Selbstverwaltungsgebiete einer und der-
selben Nation bilden zusammen einen national einheitlichen Verband, der seine nationalen
Angelegenheiten völlig autonom besorgt. 4. Das Recht der nationalen Minderheiten wird
durch ein eigenes, vom Reichsparlament zu beschließendes Gesetz gewahrt. 5. Wir erkennen
kein nationales Vorrecht an, verwerfen daher die Forderung einer Staatssprache; wie weit
eine Vermittlungssprache nötig ist, wird das Reichsparlament bestimmen. 6. Der Parteitag
als das Organ der internationalen Sozialdemokratie in Österreich spricht die Überzeugung
aus, daß auf Grundlage dieser leitenden Sätze eine Verständigung der Völker möglich ist;
(…)“ Otto Bauer, Die Nationalitätenfrage und die Sozialdemokratie (Wien 1907), online ein-
sehbar unter www.marxists.org/deutsch/archiv/bauer/1907/nationalitaet/31-programm.html
(letzter Zugriff: 28.08.2017).
11 Vgl. Karl Ucakar, Demokratie und Wahlrecht in Österreich. Zur Entwicklung von
politischer Partizipation und staatlicher Legitimationspolitik (Wien 1985).
12 Vgl. Helmut Konrad, Die Arbeiterbewegung und die österreichische Nation, in: Ar-
beiterbewegung – Faschismus – Nationalbewusstsein. Festschrift zum 20jährigen Bestand
des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes und zum 60. Geburtstag von
Herbert Steiner, hrsg. von Herbert Steiner, Wolfgang Neugebauer (Wien–München–Zürich
1983) 367–379, hier: 372.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Titel
- Die schwierige Versöhnung
- Untertitel
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Autoren
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Herausgeber
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Verlag
- Bozen-Bolzano University Press
- Ort
- Bozen
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Abmessungen
- 16.0 x 23.0 cm
- Seiten
- 616
- Schlagwörter
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918