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Sozialistische Beiträge zur Nationalitätenfrage in Tirol und Südtirol 1890–1992
frage aus. Als Mitglieder des Nationalen Befreiungskomitees („Comitato di
Liberazione Nazionale“, CLN) waren nun auch italienische Sozialisten und
Kommunisten in Ministerposten vertreten, an den Arbeiten der Verfassungs-
gebenden Versammlung (Costituente) beteiligt und damit in die Verabschie-
dung der ersten Autonomieregelung für Südtirol auf Basis des Gruber-De
Gasperi-Abkommens involviert60.
Die sozialistischen und kommunistischen Positionen zur Tiroler Nati-
onalitätenfrage hatten sich durch die Erfahrung des Zweiten Weltkriegs und
insbesondere die deutsche Besatzung Norditaliens in den Jahren 1943–1945
jedoch erheblich gewandelt. Hatte eine Gruppe prominenter sozialistischer
Exil-Italiener in den USA in einem „Italienischen Manifest“ vom Sommer
1944 noch vermutet, Sie [die Italiener] werden freiwillig – dessen sind wir sicher
– die Kontrolle über einige kompakte deutsche oder slawische Gruppen im äußersten
Norden und Nordosten der Halbinsel abgeben61, so stellte sich bereits im Herbst
1945 heraus, dass diese Position weder von der Mehrheit der sozialistischen
Partei, noch von der KPI-Führung vertreten wurde. KPI-Generalsekretär
Palmiro Togliatti, der in Moskau zuvor hochrangiger Kominternfunktionär
gewesen war, rechtfertigte die Beibehaltung der Brennergrenze für Italien
unter Berufung auf ihre militärstrategische Bedeutung62, stellte der deutsch-
sprachigen Minderheit in Südtirol allerdings weitreichende Autonomierechte
in Aussicht63. Für die Ausgestaltung dieser Autonomie legten die Kommunis-
60 Hans Woller, Geschichte Italiens im 20. Jahrhundert (München 2010) 213 ff.
61 Aus dem „Italienischen Manifest“ von Arturo Toscanini, Randolfo Pacciardi, Lionello
Venturi und Gaetano Salvemini, welches im Sommer 1944 in der amerikanischen Zeitschrift
Life publiziert wurde, zitiert nach Claus Gatterer, Der Freund stand links. Italienische Bei-
träge zur Diskussion um Südtirol, in: FORVM 101:IX (1962) 193 ff., hier: 193.
62 Zur militärstrategischen Bedeutung der Brennergrenze publizierte Friedrich Engels
bereits 1859 ausführliche Überlegungen: Ein taktischer Vorteil kommt den Deutschen außerdem
noch zugut: Auf der ganzen deutschen Grenzlinie ist bei allen wichtigen Passen [Pässen] – das Stilfser
Joch ausgenommen – die Wasserscheide auf deutschem Gebiet. (…) Solange die Schweiz neutral bleibt,
ist also Tirol, und sobald die Neutralität der Schweiz aufhört, ist Graubünden und Tirol (das Inntal
und Rheintal) der geradeste Weg für ein deutsches Heer, das gegen Italien operiert. Auf dieser Linie
drangen die Hohenstaufen nach Italien; auf keiner andern kann ein militärisch wie ein Staat agieren-
des Deutschland mit raschen Schlägen entscheidend in Italien wirken. Friedrich Engels, Po und
Rhein, in: Karl Marx, Friedrich Engels: Werke, Bd. 13 (Berlin 1971) 236.
63 Es gibt aber diesseits des Brenners Deutsche. Das stimmt, und wir werden ihnen alle möglichen
Autonomien und nationalen Freiheiten geben; aber die Tatsache, dass der Brenner unsere Grenze
bleibt, hat beinahe die Bedeutung eines Grundprinzips – gerade heute, wo ganz Europa aufgrund der
deutschen Verbrechen noch zittert und blutet und das Problem Deutschland noch lange nicht als gelöst
betrachtet werden kann. Palmiro Togliatti, Il problema delle frontiere, in: l’Unità (edizione set-
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Titel
- Die schwierige Versöhnung
- Untertitel
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Autoren
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Herausgeber
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Verlag
- Bozen-Bolzano University Press
- Ort
- Bozen
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Abmessungen
- 16.0 x 23.0 cm
- Seiten
- 616
- Schlagwörter
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918