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Sozialistische Beiträge zur Nationalitätenfrage in Tirol und Südtirol 1890–1992
betrachteten die Anschläge mit Blick auf die Stabilitätsinteressen der Sowjet-
union zudem in einem überregionalen Kontext. Beide Parteien unterstrichen
im Anschluss an die Feuernacht 1961 die Unverrückbarkeit der Brennergrenze,
die maßgeblich von bundesdeutschen Rechtsextremisten (zu denen Südtiroler
BAS-Mitglieder effektiv Kontakte unterhalten hatten)87 in Frage gestellt würde,
während die Mehrheit der Südtiroler Bevölkerung mit den Anschlägen nichts
zu tun habe88. Gleichzeitig antworteten die Kommunisten auf die Anschläge
mit Abhaltung einer italienisch-österreichischen Gewerkschaftsversammlung
in Bozen, die als Zeichen der Völkerfreundschaft organisiert wurde.
Innerhalb der Südtiroler Sozialdemokratie war die Ablehnung des
Südtirolterrorismus weniger eindeutig. Die Führungsriege der Sozialen Fort-
schrittspartei sprach sich offiziell klar gegen die Sprengstoffanschläge und für
die diplomatische Lösung der Südtirolfrage im Sinne Kreiskys aus89, und war
in diesem Zusammenhang auch bereit, Allianzen mit den italienischen Sozia-
Schwierigkeiten, zerstören das Vertrauen und ruinieren sowohl materielle Güter wie auch die Moral
der Bevölkerung. Die Anwendung von Gewalt entfesselt Repressalien, schafft eine Spirale des Un-
heils und stärkt die Extremisten auf beiden Seiten. Ballardini, Die italienischen Sozialisten für
Autonomie, o. S.
87 Gatterer, Südtirol und der Rechtsextremismus 301 ff.
88 Die deutschsprachige Lokalzeitschrift der KPI titelte im Anschluss an die Feuernacht:
Naziverschwörung in Südtirol vom Grossteil der Südtiroler verurteilt! und veröffentlichte eine
Resolution des Zentralkomitees der KPÖ: Wir Kommunisten sind stets für die Erfüllung der be-
rechtigten Forderung der Südtiroler eingetreten. Die Kommunisten bekämpfen die Benachteiligung
der Südtiroler bei der Wohnungszuweisung und bei der Arbeitsvermittlung, bei der Anstellung in den
Staatsdienst und bei der Förderung der Landwirtschaft, im Schulwesen und beim Studium. (…) Die
Auffindung eines grossen Lagers mit Sprengstoffen westdeutscher Fabrikation hat den neuerlichen
Beweis dafür geliefert, dass die Drahtzieher und Ausbilder, die Hintermänner und Führer, die Spreng-
stofflieferanten und Befehlshaber des Bombenterrors ihren Sitz in Westdeutschland haben. Von dort
aus werden auch die Fäden der extremistischen Südtirolpolitiker in Österreich und in Südtirol ge-
zogen. Die westdeutschen Militaristen verfolgen mit der Schürung des Südtirolkonflikts das Ziel, den
Brandherd nicht löschen zu lassen, ihn stets neu anzufachen, jede friedliche Lösung zu verhindern,
durch die ununterbrochene Aufpeitschung nationalistischer Leidenschaften einen immer stärkeren
Druck auf die österreichische Regierung auszuüben um sie schliesslich bis zur Aufstellung der For-
derung nach einer Revision der Grenzen durch Lostrennung Südtirols von Italien unter der Losung
der „Selbstbestimmung“ zu treiben. (…) Damit würde Österreich den erwünschten Präzedenzfall für
die revanchistischen Forderungen der Bonner Militaristen liefern, die mit der heuchlerischen Losung
der „Selbstbestimmung“ ihre weitgehenden imperialistischen Annexionsforderungen gegen die DDR,
die CSSR, Polen und die Sowjetunion erheben. Südtiroler Panorama (Bozen), 20. Juli 1961, 1 u. 4,
einsehbar in: Rom, Fondazione Istituto Gramsci (FIG), Fondo PCI (APCI), Regioni e Province,
Signatur 0479, 2632–1235.
89 Im Interesse einer demokratischen friedlichen Lösung der Südtirolfrage wird die SFP weiterhin
an ihrem Konzept einer echten, international verankerten Landesautonomie festhalten. Nur eine sol-
che Lösung entspricht tatsächlich den Erfordernissen der Südtiroler Bevölkerung und den Prinzipien
des demokratischen Sozialismus. Der Fortschritt (Bozen, 30.3.1967) 1.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Titel
- Die schwierige Versöhnung
- Untertitel
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Autoren
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Herausgeber
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Verlag
- Bozen-Bolzano University Press
- Ort
- Bozen
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Abmessungen
- 16.0 x 23.0 cm
- Seiten
- 616
- Schlagwörter
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918