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Hans Heiss
zwischen Tirol und Südtirol sorgsam vermiedene Tabu-Themen. Die gegen-
seitige Ignoranz und Unkenntnis der wechselseitigen Verhältnisse sind zwar
im Alltag faktisch längst anerkannt, werden aber offiziell nicht angesprochen.
Dies gilt auch für die Perzeption Tirols und Südtirols aus der Sicht des Tren-
tino bzw. aus umgekehrter Richtung. Auch hier bildet die historische Ver-
bindung vielfach eine ideologische Klammer, aus der neue Formen der Ko-
operation nur mühsam erwachsen.
Der Vorfall um Siegerin Venier macht deutlich: Hinter den Beteue-
rungen der Zusammengehörigkeit innerhalb der Euregio liegen Formen von
Misstrauen und Ablehnung, die sie seit langem begleiten. Trotz aller Bemü-
hungen, interregionale Verbindungen neu zu stärken und institutionell aus-
zugestalten, trotz mancher Erfolge, ist der Aufbau der Euregio keine lineare
Erfolgsgeschichte. Sie ist im Gegenteil auch ein Beispiel dafür, wie sich alte
regionale Beziehungsfelder rückbilden und in Schrumpfprozesse verfallen,
die eine Wiederaufnahme der Kooperation mühevoll gestalten.
Der vorliegende Beitrag skizziert die Genese, die Bedeutung und Ent-
wicklungsperspektiven der Euregio Tirol, Südtirol und Trentino im Verlauf
der letzten 25 Jahre. In dieser Frist ist die Kooperation zwischen den Ländern
neu angelaufen und wurde auf eine zunehmend stabile Basis gestellt, im Be-
mühen um grenzüberschreitende, postnationale und notwendige Dimension
verstärkter Zusammenarbeit. Die Besonderheit der zentralalpinen Euregio
liegt im Vorliegen historisch grundierter Topoi, die aus langer geschichtli-
cher Zusammengehörigkeit ableitbar sind. Diese Vorstellung geschichtlich
gewachsener „geistig-kultureller Landeseinheit“ wird seit 1945 durch steten
Austausch und wichtige Verbindungen vor allem zwischen Tirol und Süd-
tirol unterbaut. Diese wichtigen Kanäle werden konterkariert durch jewei-
lige Eigenentwicklungen und -interessen, die aber in jüngster Zeit vermehrt
durch eine planvollere Sicht auf gemeinsame Problem- und Chancenlagen
harmonisiert werden.
Der Rückblick auf die letzten Jahrzehnte zeigt zwar aussichtsreiche
Entwicklungsansätze, macht aber auch deutlich, wie sehr die Rede vom
„Europa der Regionen“ oft genug nur appellativen Charakter trägt und so-
gar in illusorische Überhöhung mündet. Wer den Weg hin zu einer stärker
Gegenwart, hrsg. von Michael Gehler und Maddalena Guiotto (= Arbeitskreis Europäische
Integration, historische Forschungen, Veröffentlichungen 8, Wien-Köln-Weimar 2012).
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Titel
- Die schwierige Versöhnung
- Untertitel
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Autoren
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Herausgeber
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Verlag
- Bozen-Bolzano University Press
- Ort
- Bozen
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Abmessungen
- 16.0 x 23.0 cm
- Seiten
- 616
- Schlagwörter
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918