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III. Der sowjetische Besatzungsapparat: Struktur und
Funktion302
Letztlich hatte das elementare ökonomische Kalkül in Moskau Oberhand
behalten. Bei der SMV hatte sich längst dasselbe Dilemma abgezeichnet wie
bei der USIA: Die Erdölanlagen waren technisch dermaßen veraltet, dass
man über mehrere Jahre hohe Summen in die Modernisierung und Entwick-
lung der Unternehmen investieren hätte müssen – ohne die Garantie, dass
sie „im Konkurrenzkampf mit den kapitalistischen Firmen“ nicht trotzdem
bankrott gehen würden.596 Außerdem wären alle Unternehmen nach der
Unterzeichnung des Staatsvertrages zur Abführung der entsprechenden
Steuern an Österreich verpflichtet gewesen. Nach Berechnungen sowjeti-
scher Experten hätte die Sowjetunion im Falle eines Verbleibs der SMV unter
sowjetischer Verwaltung jährlich nur 170.000 Tonnen Erdöl aus Österreich
importieren können. Somit stellte die fixierte Lieferung von einer Million
Tonnen jährlich allein unter diesem Gesichtspunkt ein gutes Geschäft für
Moskau dar.597
Darüber hinaus müssen der so oft zitierte Verhandlungserfolg der öster-
reichischen Regierungsdelegation in Moskau bzw. der Erfolg von Bundes-
kanzler Raab bei den Nachverhandlungen in Villach relativiert werden. Im
Vorfeld der Moskauer Verhandlungen hatte der sowjetische Außenhandels-
minister Ivan G. Kabanov intern Erdölablöselieferungen von 4,1 Millionen
Tonnen im Zeitraum von sechs Jahren errechnet. Diese Kalkulation schloss
neben der OROP bereits die Ablöse für die DDSG ein.598 In seinen Anweisun-
gen zu den Verhandlungen mit den Österreichern in Moskau hatte das Polit-
büro festgehalten, man müsse „über die Festsetzung der Kompensation im
Ausmaß von ungefähr 690.000 Tonnen pro Jahr für die Dauer von sechs Jah-
ren“ verhandeln.599 De facto schraubte die sowjetische Delegation während
der Gespräche ihre Forderungen in die Höhe, wodurch sich ein beträchtlicher
Verhandlungsspielraum ergab. Sogar die letztendlich vereinbarten sechs Mil-
lionen Tonnen übertrafen die von Kabanov ursprünglich errechnete Ablöse
um beinahe zwei Millionen Tonnen, ganz abgesehen von der zusätzlichen
596 RGANI, F. 3, op. 8, d. 121, S. 106–108, Bericht von A. Mikojan, I. Kabanov und P. Nikitin an das ZK
der KPdSU über die SMV in Österreich, 18.6.1954.
597 Prozumenščikov, Nach Stalins Tod, S. 752.
598 RGANI, F. 3, op. 8, d. 223, S. 107f., hier: S. 108, Bericht von I. Kabanov und Juchin zur Frage der
Übergabe der SMV, der DDSG und der OROP an Österreich. Aus den Beilagen zur Sitzung des
Politbüros, 8.4.1955. Vgl. dazu und zum Folgenden: Iber, Die Sowjetische Mineralölverwaltung, S.
193–200.
599 RGANI, F. 3, op. 10, d. 136, S. 36–41, hier: S. 38, Text der Anordnung für die Verhandlungen mit
der Regierung Österreichs, 8.4.1955. Vgl. dazu RGANI, F. 3, op. 10, d. 136, S. 9, Beschluss Nr. 115/
XXVIII des Präsidiums des ZK der KPdSU, Entwurf einer Anordnung zu den Verhandlungen mit
der Regierung Österreichs, 8.4.1955.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Stalins Soldaten in Österreich
- Untertitel
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Autor
- Barbara Stelzl-Marx
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 874
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918