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Stalins Soldaten in Österreich - Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
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1. Erziehung, Disziplinierung, Kontrolle 311 „antisowjetische Äußerung“ des Offiziers galt als schweres parteiwidriges Verhalten und als Handlung, die eines wahren Kommunisten unwürdig war.9 Gerade in der ersten Besatzungszeit kämpften Partei- und Armeeführung allerdings mit weniger abstrakten Problemen, nämlich mit der Disziplinlo- sigkeit der Truppen. Generell ist die Disziplinierung einer Armee während der Kampfhandlungen ein schwieriges Unterfangen; die Disziplinierung der Truppen in Wartestellung ist jedoch noch eine weitaus größere He- rausforderung. Langeweile und Heimweh beherrschen das Tagesgeschehen ebenso wie die Unzufriedenheit über die Lebensbedingungen am Ort der Stationierung. Da Verstöße gegen Befehle nicht im selben Maß als lebens- bedrohlich empfunden werden wie während des Krieges, gestaltet sich die Aufrechterhaltung der Disziplin schwieriger. Die Situation der sowjetischen Besatzungsarmee in Österreich war daher grundsätzlich mit der Lage von Besatzungstruppen in anderen Konflikten oder „friedlichen Stationierungen“ vergleichbar.10 Allerdings hatten die Propaganda und die Erfahrungen der Kriegsjah- re die Rotarmisten tiefer geprägt als anderslautende Befehle in den letzten Kriegstagen.11 Die assoziative Verbindung „Faschist – Deutscher – Bestie“ war allein schon auf einer emotionalen Ebene kaum zu entflechten und muss- te nun im Bewusstsein der Soldaten erneut voneinander getrennt werden.12 Sowohl in Deutschland als auch in Österreich sollte sich die Regelung der Be- ziehung zur Zivilbevölkerung wesentlich schwieriger und widersprüchlicher gestalten als die rein militärische Aufgabe – und zwar auf psychologischer Ebene ebenso wie auf politischer. Vor allem die unerwartete Forderung, den gehassten „Feind“ nun als „Menschen“ anzusehen und dementsprechend zu behandeln, stellte eine kaum bewältigbare Umstellung dar. Vielen Soldaten fiel es schwer, sich nun plötzlich vom jahrelangen Sinnen auf Rache zu verabschieden. Sie hatten Hunderte Kilometer zurückgelegt, das eigene verwüstete Land gesehen und ermordete Familienmitglieder, Bekannte und getötete Kameraden zu beklagen. Auch die Verschleppungen Hunderttausender junger Landsleute zur Zwangsarbeit sowie die grausame Behandlung sowjetischer Kriegsgefangener im „Dritten Reich“ waren ihnen nicht entgangen. Die Vorfreude auf die Rache an den verhassten „Faschis- 9 Ebd. 10 Vgl. dazu Sabine Lee, Kinder amerikanischer Soldaten in Europa: ein Vergleich der Situation briti- scher und deutscher Kinder. Manuskript. Birmingham 2009, S. 3. 11 Siehe dazu auch das Kapitel A.II.1 „Der Wandel des Feindbildes: sowjetische Propaganda“ in die- sem Band. 12 Senjavskaja, Psichologija vojny, S. 278.
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Stalins Soldaten in Österreich Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
Titel
Stalins Soldaten in Österreich
Untertitel
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Autor
Barbara Stelzl-Marx
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2012
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY-NC-ND 3.0
ISBN
978-3-205-78700-6
Abmessungen
15.5 x 23.0 cm
Seiten
874
Kategorien
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