Page - 311 - in Stalins Soldaten in Österreich - Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Image of the Page - 311 -
Text of the Page - 311 -
1. Erziehung, Disziplinierung, Kontrolle 311
„antisowjetische Äußerung“ des Offiziers galt als schweres parteiwidriges
Verhalten und als Handlung, die eines wahren Kommunisten unwürdig
war.9
Gerade in der ersten Besatzungszeit kämpften Partei- und Armeeführung
allerdings mit weniger abstrakten Problemen, nämlich mit der Disziplinlo-
sigkeit der Truppen. Generell ist die Disziplinierung einer Armee während
der Kampfhandlungen ein schwieriges Unterfangen; die Disziplinierung
der Truppen in Wartestellung ist jedoch noch eine weitaus größere He-
rausforderung. Langeweile und Heimweh beherrschen das Tagesgeschehen
ebenso wie die Unzufriedenheit über die Lebensbedingungen am Ort der
Stationierung. Da Verstöße gegen Befehle nicht im selben Maß als lebens-
bedrohlich empfunden werden wie während des Krieges, gestaltet sich die
Aufrechterhaltung der Disziplin schwieriger. Die Situation der sowjetischen
Besatzungsarmee in Österreich war daher grundsätzlich mit der Lage von
Besatzungstruppen in anderen Konflikten oder „friedlichen Stationierungen“
vergleichbar.10
Allerdings hatten die Propaganda und die Erfahrungen der Kriegsjah-
re die Rotarmisten tiefer geprägt als anderslautende Befehle in den letzten
Kriegstagen.11 Die assoziative Verbindung „Faschist – Deutscher – Bestie“
war allein schon auf einer emotionalen Ebene kaum zu entflechten und muss-
te nun im Bewusstsein der Soldaten erneut voneinander getrennt werden.12
Sowohl in Deutschland als auch in Österreich sollte sich die Regelung der Be-
ziehung zur Zivilbevölkerung wesentlich schwieriger und widersprüchlicher
gestalten als die rein militärische Aufgabe – und zwar auf psychologischer
Ebene ebenso wie auf politischer. Vor allem die unerwartete Forderung, den
gehassten „Feind“ nun als „Menschen“ anzusehen und dementsprechend zu
behandeln, stellte eine kaum bewältigbare Umstellung dar.
Vielen Soldaten fiel es schwer, sich nun plötzlich vom jahrelangen Sinnen
auf Rache zu verabschieden. Sie hatten Hunderte Kilometer zurückgelegt,
das eigene verwüstete Land gesehen und ermordete Familienmitglieder,
Bekannte und getötete Kameraden zu beklagen. Auch die Verschleppungen
Hunderttausender junger Landsleute zur Zwangsarbeit sowie die grausame
Behandlung sowjetischer Kriegsgefangener im „Dritten Reich“ waren ihnen
nicht entgangen. Die Vorfreude auf die Rache an den verhassten „Faschis-
9 Ebd.
10 Vgl. dazu Sabine Lee, Kinder amerikanischer Soldaten in Europa: ein Vergleich der Situation briti-
scher und deutscher Kinder. Manuskript. Birmingham 2009, S. 3.
11 Siehe dazu auch das Kapitel A.II.1 „Der Wandel des Feindbildes: sowjetische Propaganda“ in die-
sem Band.
12 Senjavskaja, Psichologija vojny, S. 278.
back to the
book Stalins Soldaten in Österreich - Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955"
Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Stalins Soldaten in Österreich
- Subtitle
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Author
- Barbara Stelzl-Marx
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 874
- Categories
- Geschichte Nach 1918