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Stalins Soldaten in Österreich - Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
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I. Ideologie, Disziplin, Strafverfolgung314 Dies schätzte die Politische Abteilung als „politisch folgenschwer“ und ver- werflich ein.19 Die offizielle Warnung, sich nicht von den scheinbaren Reich- tümern des Westens beeindrucken zu lassen, schlugen die Sowjetsoldaten in den Wind. Stattdessen waren Offiziere ebenso wie Mannschaftssoldaten da- rauf versessen, „die seltsame, köstliche Welt der bürgerlichen Dekadenz“ zu erforschen.20 Plünderungen waren eine der Folgen. Wie der eingangs erwähnte Fall des NKVD-Offiziers Michail Žiľcov illus- triert, registrierten die Politabteilungen Kritik am kommunistischen System genau. Sie fassten derartige Bekundungen unter der Rubrik „negative poli- tische“ bzw. „politisch gefährliche Äußerungen“ zusammen, wobei sie diese als ebenso verdammenswert einstuften wie Desertion oder „amoralische Er- scheinungen“. Meist sahen sie die Vorfälle als Resultat der „politischen und allgemeinen Zurückgebliebenheit“ des „Schuldigen“. So galt es als Verbre- chen, „Leben und Ordnung der kapitalistischen Länder“ zu „preisen“. Die Strafen bestanden primär in Parteiausschlüssen und Degradierungen, wo- durch sie zwei zentrale Bereiche des Auslandseinsatzes betrafen.21 Als etwa ein in Österreich stationierter Sergeant namens Parachin am 10. Jänner 1946 bei einer politischen Schulung betonte, das Recht auf kostenlose medizinische Versorgung stehe nur in der sowjetischen Verfassung und wür- de in Wirklichkeit nicht umgesetzt werden, führte der Chef der zuständigen Politabteilung persönlich eine Untersuchung durch. Die übrigen Unteroffi- ziere unterrichtete man über die „Gefährlichkeit“ der Aussage. Und wenig später verurteilte eines der Militärtribunale Parachin – angeblich wegen der Beteiligung an einem Diebstahl – zu zwei Jahren Disziplinarbataillon. Sein Fall galt ebenso wie jener von Žiľcov als Beispiel für die „politische Zurück- gebliebenheit“ der Betroffenen und für die Schwäche der politisch-erzieheri- schen Arbeit im „kapitalistischen Umfeld“, dessen „Hohlheit“ und „Nicht- Lebensfähigkeit“ entlarvt werden sollten.22 19 RGVA, F. 32902, op. 1, d. 11, S. 158f., Direktive Nr. 00811 des Leiters der Politischen Abteilung der NKVD-Truppen zum Schutz des Hinterlandes der 3. Ukrainischen Front, Oberst Nanejšvili, über eine Verbesserung der erzieherischen Arbeit innerhalb des Mannschaftsstammes, 4.7.1945. Abge- druckt in: Karner – Stelzl-Marx – Tschubarjan, Die Rote Armee in Österreich, Dok. Nr. 64. 20 Naimark, Die Russen in Deutschland, S. 91. 21 Vgl. dazu: RGVA, F. 38650, op. 1, d. 1222, S. 193–199, hier: S. 194, Bericht des Leiters der MVD-Trup- pen zum Schutz des Hinterlandes der CGV, Zimin-Kovalev, und des Leiters der Politabteilung der MVD-Truppen zum Schutz des Hinterlandes der CGV, Oberst Šukin, über den politisch-moralischen Zustand und die militärische Disziplin unter den MVD-Truppen im 3. Quartal 1946, 10.10.1946. 22 RGVA, F. 38650, op. 1, d. 1222, S. 110–127, hier: S. 114, Bericht des Leiters der NKVD-Truppen zum Schutz des Hinterlandes der CGV, Generalmajor Kuznecov, und des Leiters der Politabteilung der Truppen, Oberst Šukin, an den stv. Leiter der Hauptverwaltung der Inneren Truppen des NKVD, Generalmajor Skorodumov, über den politisch-moralischen Zustand und die Disziplin in den MVD-Truppen zum Schutz des Hinterlandes der CGV im 1. Quartal 1946, 9.4.1946.
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Stalins Soldaten in Österreich Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
Titel
Stalins Soldaten in Österreich
Untertitel
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Autor
Barbara Stelzl-Marx
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2012
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY-NC-ND 3.0
ISBN
978-3-205-78700-6
Abmessungen
15.5 x 23.0 cm
Seiten
874
Kategorien
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